Hamburg

Kampnagel im Zeichen der Flüchtlingskrise

Im Theaterstück „Endless Hospitality“ geht es um Flucht. Abendblatt-Flüchtlingsreporterin Sahar Raza hat es sich angeschaut

Hamburg. Das Drama „Endless Hospitality“ („Grenzenlose Gastfreundschaft“), das am Donnerstagabend auf Kampnagel im Rahmen des Krass-Festivals angesehen habe, hat mich berührt, aber auch verwirrt. Es wurde nur Deutsch gesprochen, und weil ich diese Sprache noch nicht so gut kann, habe ich nur wenig verstanden. Also habe ich mich auf das Schauspiel konzentriert.

Es handelte von Menschen auf der Flucht. Ich hatte dabei sehr gemischte Empfindungen, die nicht einfach zu beschreiben sind. Aber ich kann sagen: Was auf der Bühne gespielt wurde, war genauso traurig, wahr und schrecklich wie das, was ich erlebt habe – und was sich in meinem Leben nie wiederholen soll. Das Stück hat meine Geschichte und die aller Menschen aufgegriffen, die sich entschieden haben, ihre Heimat zu verlassen und einen gefährlichen Weg auf sich zu nehmen in ein Land, in dem sie sich Schutz und Respekt erhoffen.

Dieser Weg voller Bedrohungen wurde gut dargestellt: Die Flucht bringt so viele verschiedene Leute zusammen. Sie kommen aus verschiedenen Ländern und fliehen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche allein, andere mit ihrer Familie. Frauen, Männer, Alte, Kinder. Ich habe ebenso schreckliche Dinge gesehen, wie sie auf der Bühne gezeigt oder beschrieben wurden: die Unfreundlichkeit der Grenzoffiziere, das Warten auf den Schlepper und die Brutalität vieler Männer.

Einmal hat die iranische Regisseurin Afsane, selbst Flüchtling, während des Stückes etwas auf Persisch gesagt. Es war merkwürdig, plötzlich eine vertraute Sprache zu hören. Sie sei eine müde und einsame Person, sagte sie. Ich kenne das Gefühl. Auch ich war immer müde und allein. Für Frauen, die ohne Begleitung reisen, ist es besonders schwer und gefährlich. Man muss die ganze Zeit auf der Hut sein.

Manchmal war ich so erschöpft von all dem Horror und Elend, dass mich nur der Gedanke an meine Mutter und meiner Schwestern am Leben gehalten hat. Die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit, die Flüchtlinge immer wieder überfällt, haben die Schauspieler beeindruckend vermittelt. Auf meinem Weg habe ich Frauen getroffen, die einfach nicht mehr genug Geld hatten, um ihre Flucht fortzusetzen. Damit sie weiterreisen und überleben können, haben sie sich prostituiert. Thematisiert wurde auch die Angst der Flüchtlinge, die das Meer überqueren müssen. Ich kann verstehen, wie es sich anfühlt, wenn man ein richtiges Schiff erwartet und sich dann in einem kleinen Schlauchboot drängt. Ob man überlebt oder nicht – das ist dann nur noch Glück.

Der Abend hat mich berührt, er hat mir gut gefallen. Und ich habe zum ersten Mal einen nackten Mann auf der Bühne gesehen.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit
Redakteurin Friederike Ulrich