Hamburg

Wie man aus einem Libretto zwei Opern macht

Die Revue „Minibar“ hatte Premiere in der Opera stabile

Hamburg. Jede Zeit hat die Kunstformen, die sie verdient. Was dem 19. Jahrhundert die XXL-Maße der romantischen Sinfonie waren und dem 20. das Konzentrat zwölftoniger Kurzsätze, ist der Gegenwart der Schnipsel. Auf den Gedanken könnte kommen, wer die Uraufführung von „Minibar“ in der Opera stabile erlebt hat.

Unter einem gemeinsamen Titel haben die beiden jungen Komponisten Sven Daigger und Manuel Durão ein Libretto von Änne-Marthe Kühn vertont, jeder die Hälfte. Es sind also zwei Opern dabei herausgekommen; die eine firmiert ganz heutig als „Sitcom“, während die andere auf die Theatergeschichte Bezug nimmt und sich „Musikalische Farce“ nennt.

15 Stipendiaten der Akademie Musiktheater heute der Deutsche Bank Stiftung, haben das Werk im Auftrag der Stiftung und der Staatsoper Hamburg geschaffen. Deshalb kommen sämtliche Schlüsselfunktionen gleichsam als doppeltes Lottchen daher: Es gibt nicht nur zwei Komponisten, sondern auch zwei Dirigenten, zwei Regisseure, zwei Bühnenbildner und so fort.

Da kann dem Zuschauer schon mal schwindelig werden. Das Bühnenbild tut das Seinige dazu. Boden und Wände sind kräftig schwarz-weiß gestreift, nur dass die Blöcke leicht versetzt und die Streifen unterschiedlich breit sind und sich die Stoffbahnen an den Wänden leicht bewegen. Soviel optische Unruhe erzeugt in bester psychedelischer Manier ein Gefühl von Unwirklichkeit. Das macht es nicht einfacher, zu erfassen, was die sieben Protagonisten in der Mitte des Raums eigentlich treiben.

Die stimmstarke Sängertruppe um die Sopranistin Gabriele Rossmanith, ihres Zeichens Hamburger Kammersängerin und um ihrer Darstellungskunst willen ein Publikumsliebling, wirft sich mitten hinein in die absurden Situationen, die in der Minibar entstehen. Gestrandete sind sie alle, die Figuren, voneinander isoliert umso mehr, je mehr sie sich einander körperlich oder auch digital andienen.

Die namenlose SIE (Lini Gong) träumt sich lieber in die Arme eines „Dionysos Dreitausend“, als den arbeitslosen Schlucker (Daniel Todd) neben ihr auf dem Sofa zu erhören, dem nicht einmal sein Handy blieb. Es wird nach Kräften getrunken und gekokst, kopuliert und gemordet, aber nichts davon scheint echte menschliche Gefühle hervorzurufen. Von Drama keine Spur, von einem Handlungsfaden schon gar nicht. Kein Wunder, dass die Toten im zweiten Teil alle wieder da sind, bloß neu eingekleidet. Ihr Motto hissen sie an einer selbstbemalten Flagge: „Revolution (irgendwie)“.

Daigger hat zu diesem dystopischen Blick auf unsere soziale Realität einen rechten Soundtrack geschrieben, eine rhythmisch hämmernde Musik, deren leicht monotone Wirkung womöglich Programm ist. Durão blättert dafür im zweiten Teil ein ganzes Stilpanoptikum auf, da swingt der Jazz der 30er-Jahre mit durch, und hier und da klingt von ferne Bach an. Das Berliner Zafraan Ensemble erweckt all das fabelhaft und hochvirtuos zum Leben.

Was für eine desillusionierende Revue. „Minibar“ ist am Puls der Zeit. Wir hätten sie vielleicht lieber weniger fragmentiert. Aber wahrscheinlich haben wir es nicht anders verdient.

Minibar Di 23.2., 20.00, Opera stabile, weitere Termine unter www.staatsoper-hamburg.de

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