Monroeville

Die Einmalige

Die Schriftstellerin Harper Lee ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Ihr Roman „Wer die Nachtigall stört“ ist längst ein Klassiker

Monroeville.  Sie war jemand, der sich zurückzog, nicht wirklich eine Sphinx, aber doch eine Verstummte. Nach nur einem Erfolg schrieb Harper Lee kein weiteres Buch mehr. Aber man ging mit ihr anders um als mit dem anderen Einsiedler der amerikanischen Literatur. Während J. D. Salinger als der große Verweigerer galt, der seinem Kultbuch „Der Fänger im Roggen“ keinen weiteres folgen ließ, wurde Harper Lees grundsätzliche Autorenschaft angezweifelt.

Man behauptete, ihr 1960 erschienener Roman „Wer die Nachtigall stört“ sei gar nicht von ihr, sondern entstamme der Feder ihres Jugendfreundes Truman Capote. Dieses Gerücht hielt sich hartnäckig. Capote (1924–1984), der Erfolgsautor, als Ghostwriter eines 40 Millionen Mal verkauften Romans? Das ist nicht allzu freundlich, und es gab Harper Lee eine zweifelhafte Aura. Dabei ist längst erwiesen, dass sie den großen amerikanischen Roman „Wer die Nachtigall stört“ (im Original „To Kill A Mockingbird“), der schnell zur Schullektüre wurde, selbst schrieb. 2006 tauchte ein Brief Capotes auf, der dies bezeugte.

Und letzte Zweifler durften sich dann im vergangenen Jahr überzeugen lassen, als sich eine Weltsensation ereignete: Es erschien ein zweiter Roman Harper Lees, eine Art Fortsetzung des „Nachtigall“-Stoffes und doch eigentlich sein Urkeim. Geschrieben wurde „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in den Fünfzigerjahren schon vor „Wer die Nachtigall stört“. Direkt nach der Niederschrift erschienen, wäre er das eigentliche Debüt der Bestsellerautorin gewesen, die 1961 den Pulitzerpreis erhielt.

Aber ihr Opus magnum, ihr berühmtes und 1962 mit Gregory Peck in der Hauptrolle verfilmtes Werk wird natürlich „Wer die Nachtigall stört“ bleiben, jenes uramerikanische Buch, das autobiografische Züge trägt, tief in die Geschichte der Südstaaten eintaucht und ein Lehrstück ist über den Rassismus, der spätestens in den Sechzigerjahren zum großen Thema in den USA werden sollte.

Der erfundene Landstrich Maycomb, in dem Lee ihre fiebrige Erweckungsgeschichte spielen ließ, war ihrem Heimatort Monroeville in Alabama nachempfunden. Die kluge und aufgeweckte Scout Finch, aus deren Sicht der Roman erzählt (und die auch die Hauptfigur in „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist) wird, war das Alter ego Harper Lees, die 1926 als viertes Kind eines Anwalts geboren wurde. Der wiederum wurde zum realen Vorbild für Atticus Finch, der in idealer Weise Rechtschaffenheit und Toleranz verkörperte. Zusammen mit dieser Figur wurde Harper Lee selbst zu einer moralischen Leitfigur, die den Rassismus überwand.

Wie konsequent ihre Entscheidung, sich nach diesem fulminanten Erfolg aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, gerade heute erscheint! Sie schrieb noch ein paar Essays, gab aber nie Interviews. An einem Nachfolge-buch habe sie sich zwar versucht, dabei aber nicht reüssiert, berichteten US-Medien einst. Ob die bewusste Selbstrücknahme heute so stattfinden könnte, wo jeder B-Prominente sich bemüßigt fühlt, ein erstes Buch zu schreiben und jeder mittelmäßige hauptberufliche Autor auf jeden Fall ein zweites? Als im vergangenen Jahr das wieder aufgefundene Manuskript von „Geh, stelle einen Wächter“ erschien, war es längst nicht so, dass alle dies begrüßten. Es war bis zuletzt unklar, ob Harper Lee mit der Veröffentlichung glücklich war.

Der Roman erzählt von der erwachsenen Scout Finch, die nach Maycomb zurückkehrt und dort entdeckt, dass ihr bewunderter Vater Atticus Finch dem Rassismus seiner Umgebung nachgegeben hat. Größer hätte eine literarische Ernüchterung nicht sein können.

Jetzt ist Harper Lee, die sich zeitlebens dem Ruhm entzog, den sie hätte haben können, im Alter von 89 Jahren in Monroeville gestorben.