Hamburg

Gibt es ein falsches Konzert im richtigen?

Das NDR Sinfonieorchester und Thomas Hengelbrockmit Mahlers Neunter

Hamburg.  Finstere Stille, eine kleine Ewigkeit lang. Erschrockene, erschütterte, erschütternde Stille eines Schwarzen Lochs, das selbst Licht verschluckt. Gustav Mahler hat diese Grabesstille für die Zeit nach den fiebrig fahl ersterbenden Tönen im Adagissimo-Finale seiner Neunten nicht ­notiert. Aber angedeutet hat er sie, und vorhergesehen für den Weltstillstand bis zum ersten Applaus wohl auch.

Diese letzten Minuten sind so existenziell anrührend, so sehr leichtherzig jenseitig, eine Liebeserklärung an ­Gelebtes und Durchlittenes. Leonard Bernstein hat das bisschen, was noch an Klang und Form da ist, als Spinn­weben bezeichnet, als hauchdünne ­Fäden, mit denen sich eine Seele auf ihren letzten Metern noch an dieser Welt festhält. Mahlers Tochter war ­bereits früh gestorben, als er diese Musik wahr werden ließ. Das ­Wissen um seine Herzkrankheit und die eigene, heranrasende Endlichkeit hatte ihn nur noch fatalistischer werden lassen. Denn das Schicksal hatte nicht nur an Mahlers Tür geklopft, es hatte sie eingetreten und auf den Trümmern herumgetrampelt.

Drei Sätze lang hatte Thomas Hengelbrock bei seiner Aufführung dieser fürchterlichen Trauma-Vertonung sehr viel nur eindeutig richtig gemacht. Er ließ die Musikermassen des NDR Sinfonieorchesters mit eher zügigen Tempi demonstrieren, wie firm sie in der handwerklichen Umsetzung dieser Partitur sind. Die Streicher hatten diesen verstörend irren, kalten Mahler-Glanz, der sich zwischen Ironie und Hingabe aufreibt, das Holz giftete und meckerte liebreizend dazwischen, das hohe Blech erinnerte mit seinen Einwürfen daran, wie viel aussichtsarmer Kampf die Zeit bis zum Tod sein kann.

Gehört ein so üppig besetztes Werk nicht besser in einen größeren Saal?

Das Trompeten-Solo in der Rondo-Burleske, heroisch und lyrisch strahlend, war ein Paradebeispiel für diese Haltung, die Grautöne der Klarheit vorzieht. Aber: dennoch. Dennoch fehlte diesen ersten drei Abschnitten ­immer wieder etwas. Etwas, für das der Begriff „Aura“ sehr groß ist und doch richtig und angemessen sein darf.

Ein geradezu luxusproblematischer Nebeneffekt dieser auf hohem Niveau unbefriedigenden Veranstaltung: Man sitzt da so im Halbdunkel, Reihe 11 Parkett, und kommt ins Grübeln, ob dieser Saal nicht womöglich die verkehrte Adresse sein könnte. Weil er zu klein ist und dieses Konzert ­womöglich ein Jahr zu früh im NDR-Spielplan. Bislang war die an sich wunderbare Klangkultur der Laeiszhalle in Hamburg ja alternativlos. Doch bald kann und darf man sich tatsächlich fragen, wo ein so üppig besetztes Werk akustisch dankbarer platziert ist: noch hier oder erst wieder im Neubau an der Elbe? In einem Konzertsaal, der durch solche Stücke (hoffentlich!) nicht an seine Leistungsgrenzen getrieben wird, selbst wenn es ein Dirigent mit der Gruppendynamik übertreibt.

Drei sehr ordentliche, aber auch weniger hartnäckig hinterfragte Sätze, dazu ein vierter, in dem die Interpretation es mit ihrem Material aufnehmen kann. Das ist für eine Herausforderung wie Mahlers Neunte eine beachtliche Leistung. Doch es ist auch Auslöser für die berechtigte Vermutung, dass gerade bei solchem Extremrepertoire noch mehr möglich sein kann.

Das Konzert wird am 21.2. um 11 Uhr wiederholt.