Hamburg

Musik von hier, da und dort auf der Theaterbühne

Mit dem „Heimatabend“als Konzert mit Party endeten die Lessingtage im Thalia

Hamburg. Wer mit Heimatliedern schunkelnde Äppelwoi trinkende Menschen oder Gesangsgruppen in bayrischen Trachten assoziiert, befindet sich beim „Heimatabend“ im Thalia Theater in der falschen Veranstaltung. Denn „Heimatlieder aus Deutschland“ bedeutet nicht zwangsläufig deutsches Liedgut, sondern kann Folklore aus weit entfernten Kulturkreisen heißen, nur eben vorgetragen von Sängern und Musikern, die hierzulande leben, aber andere ethnische Wurzeln besitzen.

Der Migrationsforscher Mark Terkessidis und der Musikproduzent ­Jochen Kühling haben in Deutschland nach Ensembles gesucht, mit denen sie 60 Jahre Einwanderungsgeschichte in einer bunten Musikshow präsentieren können. Mit dieser Konzertperformance und einer Party auf der Bühne endeten die Lessingtage an diesem ­Wochenende. Seit zwei Jahren gestalten Terkessidis und Kühling diese Abende, 15.000 Zuschauer haben den „Heimatabend“ bisher erlebt. Am Ende der zweieinhalbstündigen Show ist auch das Publikum im Thalia aus dem Häuschen, möchte am liebsten die Bühne stürmen und beim Finale mit den Musikern zu kubanischem Son tanzen. Einige Frauen schaffen es tatsächlich nach oben, der Rest muss sich ein paar Minuten gedulden, bis Kabel entfernt und Schutzgitter aufgestellt sind, damit niemand in zu großer Tanzeuphorie von der Bühnen stürzen kann.

Diese „aktuelle Musik aus dem Bauch der Städte“ (Terkessidis) beginnt mit dem stimmgewaltigen A-cappella-Chor Gora aus Serbien, führt über Volksmusik aus Korea, portugiesischen Fado und Gnawa aus Marokko bis zu ­vietnamesischen Quan-Ho-Gesängen. Dieses Wechselspiel zwischen weiblichen und männlichen Sängern ist vom Aussterben bedroht, weil Texte und Melodien nur oral weitergegeben werden.

Hier erfüllt der „Heimatabend“ auch die Funktion der wichtigen Traditionsbewahrung. Der Fado, diese melancholischen Sehnsuchtslieder aus Portugal, oder der kubanische Son, zu dem auf jeder Salsaparty getanzt wird, sind weit davon entfernt, bedrohte Folk­lore-Spezies zu sein. Sie erfreuen sich hier einer breiten Akzeptanz, auch im Thalia am Applaus zu erkennen. Doch es fremdelt niemand: Die acht Chöre und Musikgruppen werden von euphorischer Zuneigung getragen. Klassiker des deutschen Liedgutes scheint niemand zu vermissen.