Hamburg

Dieses Paar macht Spaß

Am St. Pauli Theater feiert Yasmina Rezas Beziehungskomödie „Bella Figura“ eine gelungene Premiere

Hamburg. Niemand kann so gut unseren bürgerlichen Zeitgenossen – nämlich genau jenen Menschen, die auch gerne ins Theater gehen – beim Leben zuschauen wie die französische Autorin Yasmina Reza. Ob es Menschen sind, die sich vornehmen, alles mit guten Worten zu regeln und die dann doch ausrasten und handgreiflich werden, ob es Chef und Angestellter sind, die an einem falsch gewählten Abend leider furchtbar viele falsche Signale voneinander empfangen, ­immer sind es Leute, die mit besten ­Absichten beginnen und dann irgendwie im Chaos enden. Darüber hat Reza höchst amüsante, erfolgreiche, elegante und erhellende Stücke verfasst.

Weil sie unsere Verzweiflungen und Mühen, unsere Aufregungen und Anstrengungen, bittere und ganz und gar komische Wahrheiten beschreiben kann, ist Reza die meist gespielte ­lebende Autorin der Welt. Sie erwischt uns bei unseren Lebenslügen, die eigentlich gar nicht so schlimm sind, die uns aber doch zermürben und auffressen. Und natürlich hat sie ein ehebrecherisches Paar – das ist schließlich der Lieblingssport der wohlsituierten Schicht – in den Mittelpunkt ihres jüngsten Stückes, „Bella Figura“, ­gestellt: Boris ist verheiratet und hat zwei Kinder. Aber er hat auch mit An­drea, die alleinerziehende Mutter einer neunjährigen Tochter ist, seit vier Jahren eine Affäre, von der seine Frau, um Gottes Willen, nichts wissen darf. ­Boris’ Leben ist schon kompliziert ­genug. Gerade rutscht der Geschäftsmann, der Glas und Verandas verkauft (ein Sinnbild für durchsichtig und heimelig, all das, was Boris nicht ist) in die Insolvenz.

Ulrich Waller hat „Bella Figura“ nun mit einem glänzend aufspielenden, munteren Ensemble am St. Pauli Theater herausgebracht. Anderthalb Stunden schönste Unterhaltung. Das Stück, eine Auftragsarbeit für die Berliner Schaubühne, wo es im Mai 2015 uraufgeführt wurde, ist nicht Rezas bestes. Aber Waller und seine Schauspieler haben das Optimum herausgeholt.

An einem Sommerabend sitzen ­Boris und Andrea im Auto vor einem Restaurant und streiten sich. Er: „Ich mache mir die Mühe und lad’ dich zum Essen ein.“ Was natürlich als Auftakt zum anschließenden Sex gedacht war. Und sie antwortet: „Du machst dir die Mühe?“ Die Stimmung ist ohnehin im Keller, denn er hat Andrea auch noch erklärt, das Restaurant habe ihm seine Frau empfohlen. Nun qualmt Andrea sein Auto voll, was er hasst.

Gerade will er den Abend abbrechen, setzt mit dem Auto zurück und fährt eine ältere Dame um. Der Schreck ist groß, zumal sich die Dame quasi als Schwiegermutter von Francoise entpuppt, der besten Freundin seiner Frau. Francoise ist geschieden und lebt jetzt mit Eric, mit ihren und seinen Kindern. Das scheint zu funktionieren. Mit Erics Mutter Yvonne hingegen, der von Boris Angefahrenen, gibt es etliche Wortgefechte, die den einen oder anderen Zuschauer sicherlich an das vergangene Weihnachtsfest erinnern, als die Schwiegereltern zu Besuch waren.

Yvonne scheint sich nach dem Auf-fahrunfall wieder zu berappeln, ihre ­gelegentlichen geistigen Ausfälle, ihr langes Starren ins Nichts, sind eher ihrer beginnenden Senilität geschuldet. Angela Schmid spielt diese halb abwesende Alte, deren Hauptinteresse ihrer Handtasche gilt, mit morbider Grandezza und Sinn fürs Bizarre in der Komik.

Yvonne liebt Tabletten, Beruhigungs- und Aufputschmittel. Andrea, die ja als Apothekenverkäuferin an der Quelle sitzt, liebt sie ebenfalls. Judith Rosmair gibt ihrer Andrea einen ver-zweifelten Lebensmut. Sie wünscht sich ein bisschen Glück und kann doch so wenig dafür tun. Mal lässt sie sich treiben, mal spricht sie allen aufmunternd zu. Rosmair weiß, wo ihre Figur verzweifelt ist, wo sie träumt und wann sie kämpft. Sie macht Andrea kenntlich, wahr, authentisch.

Stephan Schads Boris wirkt ebenso stark. Ein typischer Kerl, der ein bisschen hölzern reagiert, wenn er Emotionen zeigen sollte. Ja, er kann brüllen, wenn er sich ärgert. Aber später will er auch einfach mal getröstet werden. ­Geschäftlich ist er demnächst bankrott. Könnte sein, dass er es auch gefühlsmäßig ist.

Johanna Christine Gehlen und ­Boris Aljinovic bilden als das befreundete Paar mal einen Kontrapunkt (wenn sie von ihren gelungenen ­Wochenenden schwärmen), mal das ­genaue Abbild der sich liebenden, zankenden beiden anderen. Auch Gehlen, als die toll aussehende, pragmatische Francoise und Aljinovic als Charmeur, der auf Andreas Reize anspringt, es Francoise recht machen will und seine Mutter Yvonne eher gutwillig betreut, wirken authentisch. Nikotin, Alkohol und Medikamente dienen als Brand­beschleuniger der Missverständnisse. Ja, auch das ist typisch. Und genau deshalb macht der Abend Spaß.

„Bella Figura“ bis 8.2., St. Pauli Theater, Spiel­budenplatz, Karten: 17,70 bis 47,40 Euro unter der Abendblatt-Ticket-Hotline T. 30 30 98 98