Radio

Das Ohr zur Welt

Am alten Radio hängen 
zahlreiche Erinnerungen

Am alten Radio hängen zahlreiche Erinnerungen

Foto: Getty Images

Wenn zu Silvester der letzte Mittelwellen-Sender abgeschaltet wird, geht eine lange Radio-Ära zu Ende. Eine Hommage an den „Sound des Kalten Krieges.

Hamburg. Es knarzt, es pfeift, es rauscht, und dann piept es auch noch. Das Geräusch schwillt an, erfüllt das Zimmer, wird dann wieder leiser. Im Hintergrund sind Walzerklänge zu hören, Männerstimmen in einer fremden Sprache, dann das anschwellende Klimpern einer zweistimmigen Melodie. Vier Takte, die sich mehrfach wiederholen. Jetzt, um 19 Uhr, meldet sich, einigermaßen klar zu verstehen, eine Männerstimme: „Hier ist der Deutschlandfunk. Wir berichten aus dem Zeitgeschehen. Sie hören das Deutschlandecho.“

Zu empfangen war der Deutschlandfunk in meiner Heimatstadt Dresden, dem westfernseh-freien „Tal der Ahnungslosen“, zur DDR-Zeit nur auf der Lang- und – ein wenig besser – auf der Mittelwelle. Die Langwelle wurde schon vor Jahresfrist aufgegeben, an diesem Silvesterabend schaltet Deutschlandradio – und damit auch der in Köln sitzende Deutschlandfunk (DLF) – nun auch als letzter deutscher Sender seine Mittelwelle ab. Im digitalen Zeitalter waren die kostenaufwendigen Mittelwellensender schon lange anachronistisch geworden, doch das Abschalten ist für mich trotzdem mehr als nur ein technischer Vorgang, denn damit endet ein langes Kapitel der Radiogeschichte.

Fast jeden Abend habe ich Mitte der 1960er-Jahre mit meinem Vater vor dem Radioapparat gesessen, der uns das Gefühl gab, auch in der abgeschlossenen DDR mit der Welt verbunden zu sein. Es war ein ziemlich großer Kasten der Marke „Dominante“, hergestellt im VEB Funkwerk Dresden. Ein Holzgehäuse, dessen Front im oberen Bereich direkt vor dem Lautsprecher mit einem gelblichem gewebten Stoff bezogen war. Zwei Drehknöpfe rechts und links für Senderwahl und Lautstärke. Auf der Skala konnte man neben rechteckigen Positions-Kästchen so merkwürdige Städtenamen wie Hilversum und Beromünster lesen. Unten in der Mitte die Tasten für Lang-, Mittel-, Kurz- und Ultra-Kurzwelle. Dazu im oberen Bereich noch kleine Tasten für die – allerdings kaum wahrnehmbare – Veränderung der Klangfarbe mit den Aufschriften: Bass, Orchester, Sprache und Jazz. Doch am meisten faszinierte mich das „magische Auge“ neben dem rechten Drehknopf. Die „Anzeigenröhre für die Empfangsstärke“, ohne die kaum ein Röhrenradio auskam, schimmerte in geheimnisvollem Grün. War der Sender klar zu empfangen, blieb das Auge ruhig, um sich bei jeder Überlagerung zu bewegen und bei Störungen hektisch zu zwinkern.

Störungen gab es auf der Mittelwelle fast immer, abends waren sie am stärksten. Manchmal trieb mich das beim Deutschlandfunk-Hören schier zur Verzweiflung, vor allem wenn sich am späteren Abend „Radio Bukarest“ mit Walzerklängen oder patriotischen Märschen vordrängte und den Kölner Sender regelrecht wegdrückte. Dann saß ich dicht vor dem Radio, starrte aufs immer hektischer zwinkernde „magische Auge“ und versuchte, im Wellensalat DLF-Sendungen mit spannenden politischen Features doch noch irgendwie zu folgen.

Das Rauschen und Pfeifen der Mittel-, Lang- und Kurzwelle war auch der Sound des Kalten Kriegs: Behutsam drehte ich die Sendereinstellung, verschob damit den roten Strich hinter der beleuchteten Skala, und ging im Äther über alle Grenzen hinweg auf Entdeckungsreise: Ich hörte die Pausenzeichen fremder Sender, die aus weiter Ferne heranwehten, konnte manchmal Wortfetzen verstehen und vernahm immer mal wieder eine sehr markante und durchdringende Frauenstimme, die Zahlenkolonnen ansagte: „Drei, sieben, zwo, fünnef, neun“. Die Frau, die merkwürdigerweise immer „fünnef“ statt „fünf“ sagte, war die Sprecherin eines „Zahlensenders“, erfuhr ich von meinem Vater. Damit kommunizierten Geheimdienste mit ihren Agenten, die die Zahlen mitschrieben und sie anschließend mit Hilfe einer Tabelle dechiffrierten.

Irgendwann hörte ich auf Mittelwelle pathetische Marschmusik und dann die gut zu vernehmende Stimme eines deutsches Sprechers, der nicht nur auf die amerikanischen Imperialisten schimpfte, sondern zu meinem Erstaunen auch auf die „sowjetischen Sozialfaschisten“. Durch Zufall war ich an „Radio Tirana“ geraten, einen leistungsstarken Sender, der aus dem internationalen komplett isolierten Albanien seinen eigenen täglichen Propagandakrieg führte. Dass das deutschsprachige Programm lange Zeit von einem Hamburger Ehepaar, das der albanisch-kommunistischen Splittergruppe angehörte, konzipiert und redaktionell bearbeitet wurde, erfuhr ich erst viel später.

Aber solche Ausflüge durch den Äther blieben die Ausnahme, fest eingestellt war stets der Deutschlandfunk, dem ich noch immer die Treue halte. Heute empfange ich ihn im Digitalradio DAB+ sogar im Auto absolut störungsfrei. Das ist angenehm, und natürlich vermisse ich das Pfeifen, Knarzen und Rauschen der Mittelwelle nicht. Aber ein bisschen wehmütig stimmt es mich doch, dass der Wellensalat, der nicht nur der Sound des Kalten Krieges, sondern auch der meiner Kindheit war, nun endgültig verstummen wird.