Porträt

Annemarie Stoltenberg: Ein Leben wie im Buch

Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg in Arbeitsposition

Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg in Arbeitsposition

Foto: Andreas Laible

Welche Geschichten die Literaturexpertin am liebsten mag, welche sie wütend machen und welches bekannte Werk jeder gelesen haben sollte.

Es fällt leicht, in ihr zu lesen. Wie sie die Tür zu ihrer großen Altbauwohnung mit Schwung öffnet, ins Wohnzimmer führt, dabei schon dies und jenes plaudert, lacht, Wasser einschenkt, sich dreht, sodass ihr langer Rock herumwirbelt – das alles sagt in großen leuchtenden Lettern: VERGNÜGT! HÖFLICH! ESPRIT! Und damit hat sich auch schon die Frage geklärt, warum Annemarie Stoltenberg so beliebt ist, warum so viele Menschen ihre Radio-Sendungen auf NDR Kultur hören und die Karten zu ihren Literaturbesprechungen immer gleich ausgebucht sind. Wenn die 58-Jährige mit Büchern nur halb so gut umgeht wie mit Menschen, dann kann man sich als literarisches Werk quasi nichts Besseres vorstellen, als in ihre Hände zu gelangen.

In diesen Genuss kommen viele, viele Werke pro Jahr, die genaue Zahl will Stoltenberg lieber nicht verraten. „Einen Laien könnte mein Pensum irritieren“, befürchtet sie. Dabei lese sie nicht unbedingt schneller als andere Menschen, aber konsequenter. An freien Tagen, wenn sie nicht beim NDR arbeitet, sind es acht Stunden am Stück. „Und zwar genau so“, sagt sie und legt sich auf ihr großes Sofa. Die Schuhe aus, ein Kissen unter den Kopf, eines unter die Beine, das ist ihre Arbeitshaltung. Sie beginnt möglichst früh, um die klaren Morgenstunden zu nutzen, abends fehle die Konzentration. So finden sich in der Wohnung auch überall Bücher (an die 10.000 Stück), aber keines neben dem Bett: „Bücher sind für mich kein Schlafmittel, außerdem verbindet sich dann der Text mit meinen Träumen.“

Sogar im Urlaub muss erst die Acht-Stunden-Schicht erledigt werden, normale Ferien mit Schlossbesichtigung oder Wanderung wären für Annemarie Stoltenberg undenkbar. Ihr Mann Michael Seufert ist selbst Autor, der hat zum Glück Verständnis für die Leidenschaft seiner Frau. Und Lesen ist irgendwie ja auch Wandern, Wandern durch andere Welten. Worte und Werke sind das Leben der beiden.

Damit aber die Wohnung des Paares nicht irgendwann ein Stockwerk tiefer fällt, verschenkt es viele Bücher an Bekannte, Altenheime oder Bibliotheken, nur die ganz großen Lieblinge dürfen bleiben. Annemarie Stoltenberg brauchte einmal fast 14 Tage, um ihre Sammlung und die ihres Gatten nach Autoren geordnet ineinanderzufügen. Geht sie nun an den langen Regalreihen vorbei, sieht es aus, als treffe sie auf alte Freunde. Kafka. Kleist. Tucholsky. Von ihm sogar die Gesamtausgabe, es sind immense Werte, die hier stehen – und zu deren Füßen ein Bauernhof liegt. Enkel Emil kommt oft zum Spielen vorbei. Stoltenbergs Tochter wohnt im selben Haus, sie freut sich darüber, dass es in den Regalen nun auch eine Kinderbuchabteilung gibt. „Emil ist erst zweieinhalb Jahre alt, aber er schaut sich schon begeistert Buchprospekte an und sagt mir dann ganz genau, welches er gerne hätte“, sagt seine Großmutter.

Früher verfasste sie Kritiken für Tageszeitungen, auch für das Abendblatt. Sie arbeitete als Reporterin für das TV-Magazin „DAS!“ („Die schönste Zeit in meinem Berufsleben, obwohl es anstrengend war“), schrieb drei Bücher und hat zahlreiche herausgegeben, aber nun verspürt sie nicht mehr den Drang, in die Tasten zu hauen. „Es gibt so viele tolle Bücher, ich kann der Weltliteratur nichts mehr hinzufügen.“

Stoltenberg ist keine von den Rezensenten, die sagen: „Finde ich gut/finde ich blöd“, und die ihre Wertung als allgemeingültig erachten. „Wenn mir ein Buch nicht gefällt, dann kann es sein, dass es für einen anderen ganz toll passt. Man sucht lesend ja immer nach sich selbst.“ Donnernde Urteile auszurufen wie ein Marcel Reich-Ranicki und mit Vergnügen Autoren hinzurichten, das passt nicht zu Stoltenberg. Ihrer Ansicht nach muss eine gute Rezension dem Leser klarmachen, was ihn emotional erwartet. Ob er sich auf Lachen oder Weinen oder beides einzustellen hat. Stoltenberg gelingt es, die Temperatur eines Werkes gut rüberzubringen, der Inhalt spielt bei ihr eher eine Nebenrolle. Hört man ihre Geschichten zu den Geschichten, dann bekommt man Lust, sofort loszulesen.

Diese Lust zu fördern scheint notwendig. Nur rund zehn Prozent der Gesellschaft hätten wirklich Freude am Lesen, erklärt Stoltenberg, was auch daran liegt, dass viele einfach zu selten ein Buch in die Hand nehmen. Dabei sei es beim Lesen wie beim Sport: „Ohne Training läuft man auch keinen Marathon. Wenn Lesen anstrengend wird, macht es keinen Spaß. Die Augen müssen über die Seiten schweben,“ sagt Stoltenberg. In der U-Bahn beobachtet sie die Leute häufig, wie lange sie für einen Zeitungsartikel brauchen, wie häufig sie ein und dieselbe Bildunterschrift scannen müssen. Die Literaturexpertin benutzt nur öffentliche Verkehrsmittel, um mehr Zeit für ihre Bücher zu haben. „Ich finde aber nicht, dass unbedingt jeder lesen muss. Für mich stellt es eine unglaubliche Glücksquelle dar. Andere finden die vielleicht eher beim Yoga oder in der Natur.“

Wenn man aber liest, dann solle man das Buch doch bitte bei einem Buchhändler kaufen, findet Stoltenberg, anstatt es bei Amazon zu bestellen. „Unsere Buchhandlungen sterben durch das Online-Geschäft aus.“ Und es ärgert sie auch die Haltung vieler Nutzer nach dem Motto: „Wenn ich da jetzt mal was bestelle, das macht doch keinen Unterschied.“ In der Masse macht es eben doch etwas aus.

Belesene Menschen wie Stoltenberg haben nun natürlich sofort eine passende Parabel auf Lager, und sie erzählt die Geschichte vom großherzigen König: Es war einmal ein König in einem Reich voller Weinberge, der wollte seinen Untertanen die Steuern erlassen. Als einzigen Beitrag verlangte er fortan von jedem Untertan, einmal pro Jahr einen Krug Wein in ein Fass zu leeren. Die Freude der Leute war groß, und tatsächlich pilgerten alle zum Hofe, bis das Fass randvoll war. Um die Treue und Verlässlichkeit des Volkes zu feiern, wurde ein Fest organisiert, bei dem der König feierlich den ersten Schluck nehmen wollte. Er trank – und erschrak. Es war kein Wein, sondern Wasser! Sofort wurde der Weise des Landes gefragt, ob es sich hier um eine Verwandlung handeln könne. Doch seine Erklärung lautete anders: Man nehme zum Beispiel den Bauern Juan. Der dachte sich, wenn ich Wasser anstatt Wein in das Fass kippe, dann würde es bei einer so großen Menge keiner bemerken. Leider hatten alle Untertanen die gleiche Idee wie der Bauer Juan.

Annemarie Stoltenberg kauft ihre Bücher immer bei der Bücherhalle Stolterfoht, einem Pavillon an der U-Bahn-Station Hallerstraße. Der Weg dorthin ist mit Freude gepflastert, Vorfreude auf neue literarische Welten und der Freude an dem Spaziergang an sich. Die Hamburgerin wohnt seit 1989 in der Hansastraße. Sie geht gern durch ihr Viertel, weil sie hier tagsüber entlang der zahlreichen Restaurants mit ausländischer Küche „eine kleine Weltreise unternehmen kann“. Und nachts ist es so ruhig, dass sie im Sommer sogar draußen schläft. Dann schleppt sie ihre Matratze auf den Balkon und guckt in die Sterne.

Bücherhallen-Besitzer Frank Bartling besorgt seiner Stammkundin alles binnen Stunden. „Uns verbindet eine tiefe Zuneigung, obgleich wir vollkommen unterschiedliche Geschmäcker haben“, sagt Stoltenberg: Wenn Bartling ihr etwas empfiehlt, dann ist es nichts für sie und umgekehrt.

Was Annemarie Stoltenberg an Büchern überhaupt nicht mag, sind unstimmige oder gar falsche Details – wenn etwa eine Katze Dinge tut, die Katzen nie machen würden, oder ein Mensch mit Verletzungen herumläuft, mit denen er nur im Bett liegen kann, wie sie es zuletzt in „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ lesen musste. Schlecht recherchiert, zu wenig Mühe gemacht, das merken die Leser. „Die Leute wollen Geschichten, die wahr sind,“ sagt Stoltenberg.

Sie selbst gibt zu, ein Freund von Happy Ends zu sei. „Wem soll es nützen, wenn mich ein Buch mit einem schlechten Gefühl zurücklässt?“ Es passiere zwar selten, aber manchmal wird sie auf den letzten Seiten wütend. Kürzlich verärgerte sie Christoph Peters‘ „Der Arm des Kraken“, in dem die Polizei bei einem Berliner Bandenkampf total machtlos dasteht. „Dafür brauche ich doch kein fiktionales Werk, das sehe ich in den Nachrichten.“

Stoltenberg erwarte von einem guten Buch einen Kontrapunkt, eine Vision. Sie liebt es, wenn sie ein Buch mit Euphorie aus der Hand legen kann. Bei Julian Barnes’ „Am Fenster“, einer Sammlung von Essays über die Literatur, war das zuletzt so, sowie bei Jane Gardams „Ein untadeliger Mann“. Der Roman über ein Leben im Britischen Empire zählte im Herbst zu Stoltenbergs Lieblingsbüchern. „Für so etwas wirft man seine Tagesplanung um.“ Da kann eine Acht-Stunden-Schicht zum Acht-Stunden-Vergnügen werden.

Stoltenberg will mit ihren Empfehlungen niemanden überfordern. „Und ich habe auch keine Angst, mich vor der Literaturgeschichte zu blamieren.“ Außerdem sei zu bedenken, dass nicht alle ach-so-wichtigen Werke, die gekauft werden, tatsächlich gelesen werden. Es komme zudem nicht immer auf einen ungeheuren Erkenntnisgewinn an. Literatur beantworte keine Fragen, aber sie stelle die richtigen Fragen.

Und welches Buch sollte nun jeder einmal gelesen haben? Annemarie Stoltenberg zitiert daraufhin Bertolt Brecht: „Sie werden lachen – die Bibel.“ Für die Literaturexpertin steckt dieser spirituelle Text voller Rätsel: Der könne niemals ausgelesen werden. Ein Tischlein-deck-dich-Buch.

Am 27. Januar stellt die Kritikerin mit Literaturhaus-Chef Rainer Moritz um 17 Uhr im Meßmer Momentum ihre Favoriten der aktuellen Buchsaison vor.