Kultur

Inspector Barnaby: In der Höhle des Käses

Der britische Ermittler zeigt eine Normalität, die es bei den „Tatort“-Kollegen nie gäbe

Ginge es nach den Autoren dieser Reihe, dann wäre alles Leben in Großbritannien wohl bald ausgelöscht. Denn es bleibt so gut wie nie bei nur einem Toten, wenn Inspector Barnaby in der fiktiven Grafschaft Midsomer ermitteln muss. Statistiker haben 68 Leichen in den ersten 30 Folgen der seit 1997 laufenden Serie gezählt. Es werden immer mehr, und die Todesarten werden immer absurder.

Seit einigen Staffeln hat nun Tom Barnabys Vetter John die Ermittlungsarbeit in Midsomer übernommen, aber auch er kann die Mordlust seiner Landsleute nicht bändigen. Mit seinem Verwandten verbindet ihn ein ruhiges Naturell und ein unterkühlter Humor, außerdem ist sein Privatleben intakt. John Barnaby verkörpert eine Normalität, die es unter deutschen „Tatort“-Ermittlern niemals geben würde. Das macht ihn mit wohltuender Regelmäßigkeit zum Exoten.

Die Übersetzer haben die feine barnabysche Ironie gut eingefangen

Mit dem Titel „Reif für die Rache“ dieses Zweiteilers, der im englischen Original „Schooled for murder“ heißt, haben die Übersetzer die feine Ironie gut eingefangen, die Barnabys Markenzeichen ist. Denn es geht hier nicht nur um die martialische Gewalt alter Rechnungen, es geht vor allem um gut durchgereiften englischen Käse.

Auf den „Midsomer Blue“ ist man in Midsomer besonders stolz, er bringt einen Hauch französischer Raffinesse in das kulinarisch entwicklungsfähige Königreich. Der Blauschimmelkäse lagert in baumstammdicken Exemplaren in einer Höhle mit besonderem Mikroklima. Und wie sich zeigt, eignet er sich nicht nur vorzüglich als Begleitung zum Rotwein. Man kann mit ihm auch Leute erschlagen. Genau das geschieht mit dem ersten Mordopfer, einer Frau namens Debbie. In den ersten Szenen sehen wir, wie sie die Sitzung des Elternrats einer Schule stürmt, den versammelten Frauen allerlei Vorwürfe macht, dann entrüstet abrauscht, um sich aus undurchsichtigen Gründen in die Höhle des Käses zu begeben. Dort wirft jemand ein Regal auf sie und vollstreckt mit dem Blauschimmellaib.

Wer könnte die Spezialität so übel zweckentfremdet haben – und warum? Barnaby findet heraus, dass Debbie eine Affäre mit einem verheirateten Mann des Örtchens hatte, was im Elternrat für Gemurmel und muntere Mobbereien sorgte. Wie so oft bei Inspector Barnaby klingen hier Motive einer durchaus giftigen Gesellschaftssatire an – die sich auch etwa darin spiegelt, dass an der Schule eine Zweiklassengesellschaft herrscht, bestehend aus den zahlenden Eltern und jenen, die die Schulgebühren mit öffentlichen Stipendien begleichen.

In der Käserei gibt es unterdessen umstrittene Modernisierungspläne, in die Debbie ebenfalls mittelbar verwickelt war. Das alles liegt noch sehr diffus vor den Ermittlern, als schon weitere Morde geschehen: Der fremdgehende Ehemann wird mit einem Käseschneider erdrosselt, einem anderen ein Käsebohrer ins Herz gedrückt. Das alles wird in einer sehr britischen Beiläufigkeit erzählt, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt und auch diese Folge sehenswert macht.

Insp. Barnaby: „Reif für die Rache“. ZDF, Sa, 22.00