Kultur

Die Erklärung von Alvis Hermanis im Wortlaut

Der Regisseur Alvis Hermanis übermittelte dem Abendblatt auf Anfrage eine Stellungnahme, die er ausschließlich ungekürzt freigab. Wir dokumentieren sie hier in voller Länge: „Natürlich manipulierte der Thalia-Intendant die Sätze, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden (ohne meine Erlaubnis). Ich bat aus persönlichen Gründen darum, meine Produktion abzusagen. Ich arbeite derzeit in Paris und lebe in eben dem Stadtteil, in dem die Massaker stattfanden. Der Alltag hier fühlt sich an wie in Israel. Permanente Paranoia. Sogar schlimmer, da die jüdische Gemeinschaft von Paris die erste ist, die die Stadt verlässt. Überall ist man mit Bedrohung und Angst konfrontiert. Wir sind alle traumatisiert nach dem, was vor zwei Wochen passierte. Ich bin Vater von sieben Kindern und nicht bereit, in einer anderen potenziell gefährlichen Stadt zu arbeiten. Wie wir wissen, kamen die Leute, die bei 9/11 dabei waren, übrigens aus Hamburg. Wir wissen, dass sogar die deutsche Regierung ihre Flüchtlingspolitik nach der Paris-Tragödie änderte. Der Preis, der zu bezahlen war, um die Verbindung zwischen Einwanderungspolitik und Terrorismus zu ziehen, war der Tod von 132 jungen Menschen in Paris.

Ist es immer noch ein Tabu, in Deutschland Einwanderungspolitik und Terrorismus zu verknüpfen? Nachdem ich mit den Menschen vom Thalia sprach, wurde mir klar, dass sie nicht offen für gegensätzliche Meinungen waren. Sie identifizieren sich mit einem Refugee-Welcome-Center. Daran will ich nicht teilnehmen. Kann ich meine eigene Wahl und meine eigenen Meinungen haben? Was ist mit Demokratie? Ich glaube nicht, dass meine eigene politische Meinung radikaler ist als die der Mehrheit der Europäer. Wir unterstützen den Enthusiasmus nicht, die EU-Grenzen für unkontrollierte Einwanderung zu öffnen. Besonders in Osteuropa verstehen wir diese Euphorie nicht. Glauben Sie wirklich, dass 40 Millionen Einwohner in Polen, zum Beispiel, Neonazis und Rassisten sind?“