Hamburg

Ausstellung über Welthandel und Migration

Die kritische internationale Schau „Streamlines“ hinterfragt in den Deichtorhallen die globalen Warenströme über die Meere

Hamburg.  Die Elbe hat Hamburg seinen Reichtum gebracht. Der Fluss, das Meer bilden bis heute das flüssige Medium, das diesen Reichtum transportiert. Und nicht nur den. In den Deichtorhallen hat jetzt eine neue, brandaktuelle Ausstellung zeitgenössischer Kunst eröffnet: „Streamlines. Ozeane, Welthandel und Migration“. Verantwortlich ist die renommierte Kuratorin Koyo Kouoh. Hamburg als Tor zur Welt ist für sie der Ausgangspunkt der Ausstellung, „ich habe den Künstlern eine große Freiheit gelassen, diesem Pfad zu folgen und sich darauf auszudehnen.“

So ist ein außerordentlich spannendes Konglomerat aus afrikanischen, asiatischen, amerikanischen und europäischen Positionen entstanden. Ästhetisch wird man bisweilen überwältigt von Schönheit, Strahlkraft und Spiritualität. Allerdings konfrontieren Künstler in den Tiefen einzelner Kinokammern auch mit Entwurzelung, Ohnmacht und tiefer Traurigkeit. Die Klage einer vereinsamten Ehefrau wiederholt sich, und aus der Alltagsschilderung eines philippinischen Seemannes hat die marokkanische Filmemacherin Bouchra Khalili zu nächtlichen Kamerafahrten im Hamburger Hafen eine melancholische Ballade gemacht.

Abdoulaye Konaté aus Mali schuf drei große Wandbilder aus Stoff. Das eine zeigt einen bunten Containerblock, der in einem Haufen überdimensionierter Kaffeebohnen steckt; jede einzelne wurde kunstvoll aufgestickt. Der handbemalte blaue Stoff bildet zugleich das Meer und den Himmel. Daneben hat Konaté ein paradiesisches Meeresbild voller aufwendig eingefärbter, mit vielen Details versehener Fische gehängt. Ganz von selbst wird aus den drei Bildern eine Erzählung über lebendige und tote Materie, über Warenzirkulation, Effizienz, Machtgefälle, Gewalt und sehr ferne Zielhäfen.

Dreht man sich um, kommt man einer Art wild ausuferndem Flusslauf aus Kakao-Tetrapaks nahe, die der Konzeptkünstler Thomas Rentmeister über vielleicht zehn Meter Länge aufgestellt hat. Die amorphe Gestalt steht dabei im Widerspruch zur Erbarmungslosigkeit maschineller Massenproduktion, deren Rohstoff in den Kakaoplantagen Afrikas wächst. Man kann die Schau auch von der anderen Seite beginnen und dort mit einer apokalyptischen Vision vom technischen Zeitalter Kontakt aufnehmen. Der belgische Bildhauer Peter Buggenhout installierte dort einen eisernen Koloss, der einem gestrandeten Kriegswrack ähnelt, aber zugleich ein bisschen an die Höllenvisionen des Hieronymus Bosch erinnert. Eine Anspielung darauf, dass Teile des Meeresgrunds inzwischen mit Wracks gepflastert sind. Die lange Geschichte der Migration greift der in London lebende Künstler Godfried Donkor auf: Zeitungsseiten der „Financial Times“ bestickt er mit Wappen und klischeehaften Gesichtern afrikanischer Sklaven.

Wie ein ausgetrockneter Fluss mäandert ein aus der Wand herausgeschnittenes Band: Es soll an all das erinnern, was in unseren Küchen von fernen Kontinenten stammt: Kaffee, Tee, Gewürze, Rohtabak, Ingwer: „Sie sind über das Meer gekommen und hier Teil der Alltagskultur geworden.“

Weniger friedvoll geht der US-Amerikaner Mark Boulos vor: Einem Video, das Öltermingeschäfte an der Chicagoer Börse zeigt, stellt er das eines Kampfes gegenüber. Bewaffnete, vermummte Rebellen in Nigeria rüsten sich zum Widerstand gegen die Ausbeutung ihrer Landsleute und die Zerstörung der Natur. „Diese Ausstellung greift brisante Themen auf“, sagt Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow, „wir sind für kritische, politisch engagierte Kunst.“ Ein fraglos hochaktuelles Projekt: Auch viele, die heute vor all dem fliehen, was diese Ausstellung thematisiert, kommen über das Wasser.

„Streamlines“ Ausstellung bis 12.3.2016, Deichtorhallen, Halle für aktuelle Kunst, Deichtorplatz (U/S Hbf.). Di–So 11–18.00, Eintritt 10, erm. 8 Euro