Hamburg

An Bord der MS „Santiano“

„Hoch im Norden weht ein rauer Wind“: Die Stimmung beim Konzert in der Arena schwankte im Rhythmus der Gezeiten

Hamburg.  „Hoch im Norden weht ein rauer Wind. Hoch im Norden, wo wir zu Hause sind. Liegt das Land, in dem wir leben, liegt das Land aus dem wir sind, hoch im Norden weht ein rauer Wind“, singen Santiano und ihre 12.000 Fans am Ende des Konzerts am Donnerstag in der offiziell ausverkauften Barclaycard Arena. Dann heißt es Reise, reise auf den langen Weg zu den überfüllten Parkplätzen und Bussen. Das letzte Abenteuer der Menschheit ist das, und so wie einst Cook und Kolumbus schützt man sich mit Windjacken von Jack Wolfskin und The North Face vor den Launen der Natur.

Maritime Romantik ist ja pure Nostalgie, oft verlogen, aber immer verkäuflich. Das Tor zur Welt ist eine von automatischen Stapelkränen organisierte Containerwüste, und die mit großem Brimborium getauften Dampfer heißen nicht „Olympic“ oder „Mauretania“, sondern „Mein Schiff 3“ oder „AIDAprima“. „Eine Spezialität aus der Seefahrerromantik“ steht auf der Dose von „Hanseaten-Labskaus“ im Supermarkt, vielleicht das beste Beispiel für den Etikettenschwindel unserer Zeit.

Und doch träumen wir. Von weiten Stränden, wo kein Miesepeter zum Abkassieren der Kurtaxe zwischen Strandkörben und Windmuscheln umherstampft wie Godzilla in Tokio. Wir wollen an der Reling stehen und salzige Luft und Gischt atmen, den Blick in die Weite, unverstellt von Windparks. Das ist der alte, ewige Traum von Freiheit.

Und Björn Both, Hans-Timm Hinrichsen, Axel Stosberg, Andreas Fahnert, Pete Sage und weitere angeheuerte Besatzungsmitglieder der MS „Santiano“ haben diesen Traum auch. Sie singen zwei Stunden lang ihre „Lieder der Freiheit“, sie singen von „Salz auf unserer Haut“, sie sind „Frei wie der Wind“. Tatsächlich haben die Fünf, von ihren Heimathäfen im Flensburger Raum ausfahrend, genug von der Welt und ihren Meeren gesehen. Sie wirken authentisch, und nicht wie Dosen-Labskaus. Ihre Mischung aus Shanty, Rock, Schlager und Folk ist kein Marketing-Gag, sondern das, was sie schon vor ihrem Erfolg auf einer Party gespielt haben. Krüge kreisten, und aus einer vermeintlichen Schnapsidee wurden mittlerweile drei Nummer-Eins-Alben in drei Jahren. Glückstreffer.

Aber auch wenn Santiano sowohl im „ZDF-Fernsehgarten“ als auch in Wacken auftritt, ist es kein Mainstream. „Wenn wir Mainstream wären, dann würden wir ja das spielen, was alle spielen. Und alle würden das spielen, was wir spielen“, erzählte Sänger Björn Both uns im Mai. Das war kein Seemannsgarn. Bei allen Anleihen von Dubliners bis Freddy „Ich bin dann mal weg“ Quinn klingt Santiano einzigartig und mitreißend, selbst bei Songs aus fremder Feder wie Knut Kiesewetters „Fresenhof“ oder Traditionals wie „The Irish Rover“ und „Whiskey In The Jar“.

Überraschenderweise muss Santiano in der Arena schon die ganz schweren Geschütze durch die Stückpforten wuchten, um den Saal in Wallung zu bringen. Hits wie „Santiano“, „Auf nach Californio“ oder „Es gibt nur Wasser“ fordern zwar die Ränge erfolgreich zum Aufstehen, Singen und Mitklatschen auf, die Songs des neuen Albums „Von Liebe, Tod und Freiheit“ aber klatschen zumeist weit neben dem Ziel auf. Man möchte zum rockenden „Johnny Boy“, zum donnernd eingetrommelten „Rungholt“ oder zum rhythmischen „Rolling The Woodpile“ den Hornpipe tanzen, aber weite Teile des Publikums scheinen eher eine Flaute auszusitzen. Bei den Zugaben sind bereits viele Reihen gelichtet. Das hat diese Halle mit dieser Band schon anders erlebt, allerdings ist der Altersschnitt am Donnerstag auch deutlich jenseits der 50. Was ja auch nichts heißen muss. Was sagt Captain Aubrey im Film „Master & Commander“ über sein Schiff? „Sie ist nicht alt. Sie ist in ihren besten Jahren.“ Da teilt man sich die Kräfte ein. Eine Hand fürs Schiff, eine Hand fürs Getränk.

„Es gibt nur Wasser, Wasser, Wasser überall, doch wir haben nichts zu trinken. Wir brauchen Rum, Rum, Rum, sonst verdursten wir“, singt der Saal. Wir wollen an der Reling stehen und salzige Luft und Gischt atmen, den Blick in die Weite, unverstellt von Windjacken. Wenn man die Augen schließt, hört man Möwen. Aber es ist nur Pete Sage, der seine Geige kratzt.