Hamburg

Meyer-Burckhardts Premiere

Der TV-Moderator und Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“ am Ernst Deutsch Theater – die Kritik

Hamburg. Alan Ayckbourn kann nicht jeder. Muss ja auch nicht. Seine Komödien sind perfekt geschrieben mit Gespür für den Wissensvorsprung des Zuschauers und die Wissenslücken der Figuren, insofern dankbar für jeden Regisseur, aber auch anspruchsvoll.

Seine Farce „Halbe Wahrheiten“ weidet sich an menschlichen Schwächen aufs Unverfrorenste. Da ist das Ehepaar, das nach Jahrzehnten ein gepflegtes Nebeneinanderherleben einstudiert hat. Sheila macht Yoga und liebt harte Drinks, Philip reagiert sich bei der Gartenarbeit ab und verschafft sich Kicks mit der Büroliebschaft. Und dann kreuzen sich ihre Wege mit einem jungen Paar, das auch alles andere als offen mit seinen Gefühlen hantiert.

Der Medien- und Fernsehprofi Hubertus Meyer-Burckhardt hat sich jetzt als Theaterregisseur mit Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“ am Ernst Deutsch Theater keine Fingerübung aufgeladen. Von außen blickt der Zuschauer in voyeuristischer Hitchcock-Manier in die Wohnung der jungen Ginny, die erst seit einem Monat mit dem jungen Greg liiert ist. Es ist ernst. Vor allem ihm. Schweigend auflegende Anrufer, fremde Männerschlappen unterm Bett und Unmengen von Blumen und Pralinen bringen Ginny in Erklärungsnöte. Bei Katharina Pütter bleibt sie gleichförmig und allzu blass. Von innerem Aufruhr ist da wenig zu spüren. Bei dem von Tobias van Dieken beschwingt als übereifriger Hipster gegebenen Greg umso mehr.

Meyer-Burckhardt zeigt vor allem Lust an einem fürs Ernst Deutsch Theater ungewohnten Spiel mit Effekten und Visuellem. Er projiziert Maus tragende Katzen auf die Fassade oder gleich eine ganze U-Bahn. Es bleibt eine nette, aber für den Fortgang der Handlung unwesentliche Spielerei. Ayckbourn verlangt eher nach Präzision im Text. Es gilt, kurze Sätze wie Pfeile abzuschießen, die Übergänge müssen ineinandergreifen. Schon vor der Pause hängt das Tempo gewaltig durch. Greg ringt Ginny ein Heiratsversprechen ab. Sie will – angeblich – die Eltern besuchen, wohin er ihr heimlich folgt. Von da an spult Ayckbourn mit grandiosem Gespür für Dialogwitz sein Durcheinander ab, bei dem jeder nur die halbe Wahrheit vom anderen kennt.

Sheila und Philip, bei Gila von Weitershausen und Peter Bongartz mit sicherer Hand gespielt, aber dennoch verloren in einem Konzept ohne inhaltlichen Fokus, sind nicht Ginnys Eltern, Philip ist vielmehr der Pralinen schickende Ex-Chef und Ex-Geliebte, mit dem sie noch einen letzten Dialog offen hat. Die zuvor von Stephan Mannteuffel eng angelegte Bühne des Londoner Appartements weitet sich zum Glashaus des Landsitzes mit hübsch leuchtendem Gartengrün. Hier schnurren dann Verwicklung und Entwirrung der Handlungsfäden behäbig herunter.

Theater ist eben doch mehr als schlichte Unterhaltung und gerade die Leichtigkeit der Komödie auf der Bühne herzustellen ist eine hohe Kunst. Hier ist sie nicht gelungen.

„Halbe Wahrheiten“ Vorstellungen bis 9.1.2016, Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten 20,- bis 39,- unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de