Hamburg

Späte Ehre für Deserteure

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Katja Engler

In Anwesenheit des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz wurde ein neues Denkmal am Dammtor eingeweiht

Hamburg. Viel Widerstand hat es im Vorfeld gegeben, jetzt ist das Hamburger Deserteurdenkmal in Anwesenheit des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz, des Künstlers Volker Lang, der letzten drei noch lebenden Hamburger Deserteure und diverser Pazifisten-Gruppen eingeweiht worden. Am Dammtordamm prangt nun, kraftvoll, aber filigran, eine goldschimmernde, aus Buchstabengittern bestehende dreieckige Skulptur von dem Hamburger Bildhauer Volker Lang. Dass es zwischen dem „Kriegsklotz“ von Richard Kuöhl aus dem Jahr 1936 und dem Gegendenkmal Alfred Hrdlickas von 1985/86 steht, ist eine zumindest inhaltlich gute Entscheidung. Das gesellschaftliche Umdenken in Sachen Desertion sei spät gekommen, erklärte Scholz. „Nicht zu spät, aber doch beschämend spät.“ Mit der Platzierung „setzt Hamburg an einer zentralen Stelle in der Stadt ein unmissverständliches Zeichen“.

Die Aufgabe hatte darin bestanden, einen Gedenkort zu schaffen, der mit zeitgenössischen ästhetischen Mitteln arbeitet, zum Nachdenken anregt und das Erinnern lebendig hält. Allerdings musste sich der Künstler mit dem monolithischen Klotz auf der einen und dem hochexpressiven, aus einem zerschlagenen Hakenkreuz und gestürzten Sterbenden geformten Mahnmal auf der anderen auseinandersetzen. Diesem extrem spannungsreichen Umfeld etwas Tragfähiges, Modernes und trotzdem Funktionierendes entgegenzusetzen war nicht einfach.

Zwei der drei Wände bestehen aus metallenen Buchstabenblöcken. Es ist eine Zitatmontage, die der Autor Helmut Heißenbüttel 1967 zu der Sammlung „Deutschland 1944“ collagiert hat. Ausgewählt hatte er anonyme, hasserfüllte, entindividualisierte Äußerungen gesinnungstreuer Nationalsozialisten oder hohl-pathetische Gedichtzeilen aus dem Kriegsjahr 1944. Nicht ganz leicht zu entziffern und auch nicht leicht zu verstehen.

Der Künstler Volker Lang will weniger eine emotionale als eine intellektuelle Auseinandersetzung erreichen. Im Innern der begehbaren, transparenten Skulptur kann man Heißenbüttels Texte, von ihm selbst gelesen, als Audioinstallation hören, außerdem werden dort auf Knopfdruck die ­Namen von 227 Deserteuren und deren ­Lebensdaten verlesen, die nach kriegsgerichtlichen Urteilen in Hamburg hingerichtet wurden.

Das Deserteurdenkmal steht aus Gründen der Statik viel näher an ­Kuöhls „Kriegsklotz“ als an dem Anti-Kriegs-Kunstwerk von Hrdlicka. Dass die frei stehenden Buchstaben fatal an die Schriftzüge „Arbeit macht frei“ über den Eingängen zu den KZ in Auschwitz oder Sachsenhausen erinnern, hat Lang beabsichtigt, auch die krude-kaltblütigen Heißenbüttel-Texte spiegelten ja die Tätersprache: „Ich verwende diese Bezüge bewusst. Die Typografie ist allerdings anders, und der Zusammenhang ebenfalls. Ich wollte, dass durch die Heißenbüttel-Texte eine Sprache erkennbar wird, die das Ich zerstört.“, sagt der Künstler. Er will mit seiner Arbeit den Deserteuren, die damals lebensgefährliche persönliche Konsequenzen gezogen ­haben, ihre ihnen über Jahrzehnte verweigerte Würde zurückgeben.

Der erklärte Pazifist Ludwig Baumann erlebte gestern „eine bewegende Stunde. Ein später Traum geht in ­Erfüllung!“ Im Alter von 19 Jahren war er 1941 einberufen worden. In Frankreich nahm er bald Kontakt zu Widerstandsgruppen auf, ein Jahr später desertierte er gemeinsam mit seinem Freund Kurt Oldenburg. Die beiden kamen nicht weit, wurden gefasst und zum Tode verurteilt, fast ein Jahr eingekerkert, gefoltert, weil sie ihre Freunde im Widerstand nicht verrieten, und dann in ein Strafbataillon an die Ostfront versetzt.

Ein anderer Freund hatte kurz vor seiner Hinrichtung geflüstert: „Nie wieder Krieg!“ Diese Worte, erzählte Baumann gestern, „sind mir zum Vermächtnis geworden.“ Während die Blutrichter nach dem Krieg zumeist im Amt blieben, wurden die Deserteure, die mit dazu beitrugen, das NS-Regime zum Einsturz zu bringen, als Verräter geächtet. Als Vorsitzender der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz hat Baumann jahrzehntelang für Rehabilitierung gekämpft. Die meisten Deserteure aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sind inzwischen gestorben. „Ich habe um unsere späte Würde gekämpft!“ Auch Peter Petersen war anwesend, einer der letzten drei überlebenden Hamburger Deserteure: „Dieser Tag ist eine Genugtuung. Nur hätte diese Entscheidung schon längst getroffen werden müssen!“Etwa 30.000 Soldaten und Zivilisten wurden durch Wehrmachtsgerichte als Deserteure zum Tode verurteilt, mehr als 20.000 wurden hingerichtet. Nach dem Krieg galten sie als vorbestraft, erst 2002 hob der Bundestag alle Urteile gegen Wehrmachts-Deserteure auf.

Seite 2 Kommentar Das Deserteurdenkmal ist jederzeit zugänglich.
Die Landeszentrale für politische Bildung hat eine Info-Broschüre dazu herausgebracht, die im Infoladen, Dammtorwall 1, zu haben ist. Öffnungszeiten:
Mo–Do 12.30–17.00, Fr 12.30–16.30
Helmut-Heißenbüttel-Abend Di 1.12., 20.30, Thalia-Nachtasyl, Eintritt: 8 Euro, kein Vorverkauf