Comedy-Star im Interview

Rick Kavanian: „Identität ist ein komisches Wort“

Comedy-Star Rick Kavanian

Comedy-Star Rick Kavanian

Foto: dpa

Der Comedy-Star sprach mit dem Abendblatt über seine armenisch-rumänischen Wurzeln, Weltoffenheit und sein Programm „Offroad“.

Hamburg.  Als Griechen Dimitri Stoupakis in „Der Schuh des Manitu“ oder Lord Jens Maul, der ewig sächselnde Möchtegern-Adelige mit Obst- und Gemüse-Tourette, in der Science-Fiction-Parodie „(T)Raumschiff Surprise “ sahen Rick Kavanian, 44, allein in Deutschland insgesamt 21 Millionen Menschen im Kino. Davor hatte sich Kavanian in der „bullyparade“ auf Pro7 mit seinen befreundeten Münchner Kollegen Michael „Bully“ Herbig und Christian Tramitz Hundertausende Fans erspielt. Als Synchronsprecher ist der Schauspieler und Comedian zurzeit im 3-D-Animationsfilm „Hotel Transsilvanien 2“ zum zweiten Mal in der Rolle des Dracula in den Kinos zu hören. Und mit seinem vierten Bühnenprogramm „Offroad“ möchte Kavanian erstmals klassische Stand-up-Comedy bieten: ein Mann, ein Mikro, zurück zu seinen Wurzeln. Aber wo liegen die? In Armenien, in Bukarest, New York oder doch in München? Ein persönliches Gespräch in der Schmidt-Hausbar am Spielbudenplatz, an dem er am heutigen Montag im Tivoli gastiert.

Hamburger Abendblatt: Herr Kavanian, welche Beziehung haben Sie als gebürtiger Münchner zu Hamburg?

Rick Kavanian: Eine sehr positive: Ich bezeichne mich selbst als weltoffenen Menschen, und die Weltoffenheit spüre ich hier sehr.

Was verbinden Sie denn mit der Stadt außer dem Schmidts Tivoli, in dem Sie auftreten?

Kavanian : Die Landungsbrücken gefallen mir gut, auch das Schanzenviertel. Ich war da mal vor einigen Wochen nachts unterwegs, das Leben pulsierte, es hatte eine lebensbejahende Energie.

Gibt es solch ein Viertel in München? Schwabing etwa?

Kavanian : Dort ist es eher etwas aufgeräumter, netter und übersichtlicher, ein bisschen braver. Hier in Hamburg ist man gefühlt etwas rockiger.

Kommt das Rockige Ihrem Naturell entgegen?

Kavanian : Ich bin eher ein vorsichtiger Mensch. Ich stürze mich nicht so ins Rockige, aber ich finde es schön, wenn unterschiedliche Dinge nebeneinander existieren, ohne dass man sich dumm beäugt, ohne dass man fragt: Wieso hat der einen Schlips an? Wieso trägt der jetzt kurze Haare oder auch mal gefärbte Wimpern? Das Unterschiedliche fasziniert mich. Ich hab mal ein Jahr in New York gelebt, und das hat mich auch dort sehr beeindruckt.

Weltoffenheit heißt anno 2015 vor allem der Umgang mit Flüchtlingen. Hat Sie überrascht, wie sehr die Flüchtlinge in München willkommen geheißen wurden?

Kavanian : München hat sich von einer Seite gezeigt, die mich sehr berührt hat. Mein Impuls ist eher zu helfen als abzulehnen. Es ist ja eine komische Staffelung. Da gibt es das Ablehnende, dann das Ablehnende verbunden mit Angst und das Extrem des Hasses. So etwas liegt mir fern.

Sie meinen das Polarisierende?

Kavanian : Das Extreme und auch die Meinungsmache in die Richtung. Da kommen Menschen zu uns, die wurden aus ihrer Wohnung gebombt, die wurden vom Krieg vertrieben. Ich weiß nicht, ob viele hier verstehen, was das heißt. Ich möchte so etwas nicht durchleben müssen. Wenn einer kommt und klopft, dann mache ich ihm die Tür auf. Natürlich muss man danach weitersehen. Das ist eine Riesenaufgabe.

Und wenn die Aufgabe ob es Zustroms immer größer wird für die deutsche Politik und jeden Einzelnen?

Kavanian : Das eine ist Überfordern, das andere ist Angstmachen. Ich würde nie auf die Idee kommen, dass die Flüchtlinge mich in meinem Leben beeinträchtigen. Dass das Menschen sind, die mir die Arbeit oder Identität wegnehmen. Identität ist ohnehin ein sehr komisches Wort; ich denke in letzter Zeit oft darüber nach, was das bedeutet und frage mich, ob wir alle von demselben sprechen.

Stichwort Identität. Sie haben ja armenisch-rumänische Wurzeln ...

Kavanian : Meine Großeltern kamen aus Armenien, die Eltern sind in Bukarest gebürtig und in den 60er-Jahren nach München gekommen.

Also waren Ihre Eltern das, was viele heute als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen ...

Kavanian : Ja, sogar de facto. Beide hatten Betriebe, wurden dann enteignet vom kommunistischen Regime und sagten: „Nein, jetzt wollen wir nicht als Angestellte in unserem eigenem Betrieb arbeiten. Jetzt gehen wir und schauen, dass wir woanders unser Leben leben können.“ Sie wurden nicht unmittelbar bedroht, aber es wurde ihnen das Haus weggenommen, die Firma, Maschinen, Geld. Die sind 1961 mit zwei Koffern hier angekommen.

„Offroad“ gilt als Ihr bisher persönlichstes Programm. Spielen auch Erfahrungen Ihrer Eltern mit hinein?

Kavanian : Nein, aber beim Thema Aberglaube und „Wie schützt man sich vor dem bösen Blick?“ kommt meine armenische Großmutter ins Spiel. Meine Eltern, Oma und ich haben in München in einer Dreizimmerwohnung gelebt – ich hatte mein eigenes Zimmer –, und immer wenn ich im Garten Stimmen hörte, wollte ich ins Schlafzimmer, weil dort das einzige Fenster mit Blick in den Hof war. Meine Großmutter hat mich immer gebremst, sie hat zu mir gesagt (Kavanian parodiert ihren osteuropäischen Akzent): „Geh nicht ans Fenster, sonst holt dich der Teufel!“

Was haben Sie von ihr gelernt?

Kavanian : Geben, wirklich Geben, in diesem klischeehaften Sinn: Geben ist wertvoller als Nehmen. Sie war eine gebende Frau, die nie etwas zurückerwartet hat. Diese Selbstlosigkeit bewundere ich, je älter ich werde. Gerade in dieser Zeit denke ich oft an sie.

Als früherer Radio- und Fernsehmann ist die Bühne für Sie noch immer die größte Herausforderung, oder?

Kavanian : Ich wollte eigentlich schon 2006 Stand-up-Comedy machen, als ich mit der Bühne anfing. Jetzt habe ich ein neues Plateau erreicht.

20 Jahre nach dem Start der „bullyparade“ mit „Bully“ Herbig im TV soll 2017 „bullyparade – Der Film“ ins Kino kommen ...

Kavanian : Mit „Bully“ telefoniere ich regelmäßig, wir sehen uns öfter in München. Seitdem ich weiß, dass wir wieder gemeinsam einen Film machen, tanze ich jeden Tag Sirtaki in meiner Raumkapsel und mache Yoga im Yeti-Kostüm.

„Offroad“ HH-Premiere Mo 16.11., 20.00, Schmidts Tivoli (S Reeperbahn), Restkarten zu 18,50 bis 27,30: T. 31 77 88 99; www.tivoli.de