Hamburg

Schlafwandlermusik

Das beeindruckende Michael Wollny Trio ist am Freitag zu Gast bei den JazzNights in der Laeiszhalle

Hamburg.  Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da. Die Nacht ist da, dass was gescheh’. So sang es Hans Albers in einem Lied aus dem Vorkriegsjahr 1938.

In der Nacht, im Dunkel, im Schatten der Tage, liegt Geborgenheit und lauert Gefahr. Sie ist das Reich des Mondes und der Mondsüchtigen. Ihre Schwärze ist das Yin zum Yang – und ist doch heute kaum mehr wahrnehmbar in all dem Kunstlicht, das die Städte allnächtlich auffahren.

Viele Musiker sind Geschöpfe der Nacht. Jazzmusiker und die ihrer Kunst Verfallenen sind es noch häufiger. Deshalb kleben die zwei Komponenten des Begriffs JazzNights auch so mühelos aneinander.

Und wenn am morgigen Freitag in der Laeiszhalle wieder eines dieser JazzNights genannten Nobel-Konzerte über die Bühne des großen Saals geht, feiert die Nacht sogar gleich doppelt ihr dunkles Fest. Denn es gastiert das Trio des Pianisten Michael Wollny mit seinem neuen Album „Nachtfahrten“.

Wollny ist der bedeutendste Musiker, den der Jazz in Deutschland seit Albert Mangelsdorff selig hervorgebracht hat. In seiner pianistisch ungemein brillanten, dabei offenkundig primär von der Intuition gesteuerten Musik fließen die Ströme aus den unterschiedlichsten Quellen ineinander wie die Farben auf einem Aquarell. Sein Trio (Em) bot zu Beginn des Jahrtausends ein gleichermaßen hippes wie ernsthaftes Pendant zur schwedischen Kult-Band EST und brachte ohne jede Anbiederung einen schönen Funken Pop-Appeal in den deutschen Junior-Jazz. Als Klavierpartner des Tenor­saxofonisten und Mangelsdorff-Weggefährten Heinz Sauer, der sein Großvater sein könnte, erwies sich Michael Wollny zudem als dem Ältestenrat dieser Kunst ebenbürtig.

Als Wollny, ein zauberhaft chaotisch frisierter, androgyn wirkender, dabei von Eitelkeit wenig angekränkelter Mensch, vor drei Jahren die Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Frankfurter Städel besuchte, reifte in ihm der Plan, ein Album mit Nachtmusiken aufzunehmen. Die Stücke heißen „Motette Nr. 1“ oder „Nocturne“, es gibt eine entrückte Fassung des französischen Kinderlieds „Au clair de la lune“, der fahle Mond tritt noch anderswo auf, auch ein „Nachtmahr“ treibt sein Unwesen. Vom Material her lässt dieses Album öfter an Prokofjews Klavierstücke „Visions fugitives“ denken; in allem liegt etwas Unbestimmtes, Mehrdeutiges, eine abstrakte Wehmut.

Gerade in solcher Schlafwandlermusik zählt das Wie mindestens so viel wie das Was. Wollny und seine beiden grandiosen Partner Eric Schaefer (Schlagzeug) und Christian Weber (Kontrabass) ließen sich von nachtblauen Lampen bescheinen, als an den beiden Aufnahmetagen im vergangenen August im Tonstudio Bauer in Ludwigsburg die Rechner liefen, um ihre Improvisationen über weitgehend ausgeschriebenes Material aufzunehmen. Ihre „Nachtfahrten“ wurden zu einer Séance in Indigoblau, die Platte zu einem bewegend schönen Ausnahmezustand in Slow Motion. „Wir hatten beim Proben in der Zeit davor schon die Sachen immer langsamer gespielt, auch simple Akkordfolgen“, erzählt Wollny. „Irgendwann waren wir bei einem Tempo jenseits der 50 auf dem Metronom. Das gab uns eine Kommunikationsebene, die Eric und Christian und ich noch nie gespürt hatten. Da wird jeder Ton zum Ereignis.“

Willkommen im Club der musikalischen Trödler! Die Kunst der Langsamkeit, das Downtempo, hat seit einiger Zeit Hochkonjunktur, auch und gerade im vermeintlich so hibbeligen Jazz, den seine unzähligen Virtuosen nur allzu oft mit kurzen Notenwerten und lauter Akkord- und Taktwechseln übermöblieren. Nun neigt Wollny auch in seinen Tagseiten nicht zu Geschwätzigkeit am Klavier. Hier aber lässt er einfache Dur-Akkorde, die funktionsharmonisch nichts miteinander zu tun haben, im schönsten Schneckentempo aufeinandertreffen und legt darüber unbegreiflich schöne Melodien. Wollny spricht von „verdunkelten Tonarten“ und vom „Runterpitchen“ der Tonhöhen: „Die tiefen Frequenzen haben eine besondere Aura bekommen. Das führt dazu, dass sich die Konversationen in einem anderen Bereich abspielen. Wir haben uns auf die Subtraktion verlegt. Wir lassen die ganze Zeit Sachen weg.“

Dass die Entdeckung der Langsamkeit nicht einen Moment zu Ödnis führt, liegt zuerst an der raren Schönheit dieser aus dem Dunklen geborenen Musik. Und zum zweiten an der geheimnisvollen, manchmal fast gespensterhaften Stimmung, die die Arrangements des Trios prägt. Schaefer lässt seine Becken manchmal unheimlich quietschen, Webers Bass knurrt gern gefährlich wortkarg irgendwo im tiefen Raum. Nicht ohne Grund hebt das Album mit einer somnambulen Fassung des Stücks „Questions In A World of Blue“ von Angelo Badalamenti an, dem Komponisten der Filmmusik zu „Twin Peaks“. „Wir wollten Stillleben arrangieren“, erzählt Wollny. „Die Musik stellt sich dar wie etwas Inszeniertes. Wir wollten möglichst wenig Redundanz, aber bestimmte Details sind grell ausgeleuchtet. Ein Nocturne ist ja ein Charakterstück; es ist nicht rhapsodisch und lädt nicht zu ausufernd Solistischem ein. Es ist eine inszenierte Momentaufnahme.“

Wollny hat durchaus seine Ohren auch für andere Downtempo-Musiker offen. Er selbst erwähnt Max Richter und Nils Frahm, und auch die deutsche Dunkeljazzcombo Bohren & The Club of Gore ist ihm keineswegs unbekannt. Im Stillen weiß er, dass die Musik seines Trios viel weniger berechenbar ist, viel weniger statisch.

Spätestens im Konzert wird sich das zeigen. „Live wird diese Musik sich anders öffnen“, ahnt Wollny. „Ruhe und Entschleunigung wollen wir über Kontraste erfahrbar machen. Man braucht auch Peaks, die einen danach wieder in die Ruhe entlassen.“

Nachts, so haben wir es gelernt, sind alle Katzen grau. Manche aber schleichen unsichtbar durchs Dunkel. Nur aus ihren Spuren scheint unergründlich blaues Licht.

JazzNights: Michael Wollny Trio, Fr, 13.11., 20.00, Laeiszhalle, Tickets zu 22,30 bis 39,20 unter
T. 413 22 60. CD: „Nachtfahrten“ (ACT)