Kultur

Starfighter – Witwenmacher der Luftwaffe

„Sie wollten den Himmel erobern“, eine Eigenproduktion von RTL, erinnert an einen der größten Rüstungsskandale der BRD-Geschichte

Es beginnt – wie könnte es beim Thema Starfighter auch anders sein – mit einem Absturz. Am 19. Juni 1962 proben vier Piloten eine Kunstflugdarbietung, mit der am Tag darauf die Umstellung des Jagdbombergeschwaders 31 „Boelcke“ auf ein neues Flugzeug gefeiert werden soll. Die Lockheed F104 wird vom Verteidigungsministerium – allen voran von Minister Franz Josef Strauß – als modernstes Kampfflugzeug der Welt gepriesen.

Der von Hersteller Lockheed auf den Namen Starfighter getaufte Jet wird im Lauf der nächsten Jahre andere, weit weniger schmeichelhafte Bezeichnungen bekommen: Witwenmacher, Erdnagel, Sargfighter.

An diesem Tag heißt er noch Starfighter, und die Protagonisten des RTL-Films, der am heutigen Donnerstag zu sehen ist, sitzen auf der Tribüne und bejubeln ihre Kameraden am Himmel. Bis die vier Piloten unter Führung des US-Amerikaners John Speer zu einem Looping ansetzen, der sie erst in die tief hängende Wolkendecke führen wird – und danach ungebremst in den Erdboden. Der offizielle Bericht nennt einen Pilotenfehler als Auslöser für das Unglück, bei dem alle vier sterben.

Regisseur Miguel Alexandre und die Drehbuchautoren Kit Hopkins und Thilo Röscheisen finden eine andere Erklärung: Sie zeigen den Formationsführer Speer beim Versuch, in den dichten Wolken die Orientierung nicht zu verlieren. Seine Instrumente täuschen ihn, er setzt den Looping zu tief an.

Schnitt. Drei Jahre später: Harry Schäfer (Steve Windolf) ist der smarte Leitwolf einer Pilotenstaffel, Typ Tom Cruise in „Top Gun“, nur in Blond. Um ihn, um seine Kameraden und nicht zuletzt um deren Ehefrauen dreht sich die Geschichte von „Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern“. Die politische Dimension des Starfighter/Lockheed-Skandals steht zunächst nicht im Vordergrund, RTL liefert stattdessen gut gemachte Flugaufnahmen und Zwischenmenschliches. Die Schicksale derjenigen, die jemanden verloren haben durch das technisch beeindruckende, aber auch äußerst störanfällige Flugzeug, allen voran die Ehefrauen. Betti (Picco von Groote) hat von Haus aus nicht viel mit der Luftwaffe am Hut, das ändert sich rasch, als sie Harry kennenlernt. Der weiß zu imponieren, die beiden werden schnell ein Paar. Und bald ist Betti näher dran an vom Himmel stürzenden Starfightern und trauernden Witwen, als ihr lieb ist. Die anderen, besonders Harry, mittlerweile ihr Ehemann, halten sich trotz immer mehr Abstürzen und Unfällen für unverwundbar, auch wenn ihre Bedenken wachsen. Und Betti, die gibt ihre hochfliegenden Pläne auf, um mit Harry nicht in die Stadt, sondern aufs Land zu ziehen, in die Nähe des Fliegerhorstes.

Fast 300 Starfighter der Luftwaffe sind abgestürzt zwischen der überhasteten Einführung des Jets und der endgültigen Außerdienststellung, 116 Piloten kamen ums Leben. Die bis heute nicht vollständig aufgeklärten Vorgänge rund um Piloten- und Materialfehler, um die zumindest wahrscheinlichen Schmiergeldzahlungen des Herstellers Lockheed und die Aufdeckung des Skandals strafft der Film und erlaubt sich einige künstlerische Freiheit.

Sehenswert ist „Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern“ trotzdem: Liebevoll und bis ins Detail stimmig ausgestattet, mit einer Menge toller Musik aus den 60er-Jahren ist der Film auch ein Fenster in die bundesrepublikanische Vergangenheit. Und man versteht die offenkundige Faszination, die der Starfighter auf seine Piloten ausübte – trotz seiner Gefährlichkeit. Er ist, so weit man das über ein Waffensystem sagen möchte, elegant, schön gar.

Dazu überzeugen die Hauptdarsteller, auch die Nebenrollen (unter anderem Rainer Bock als an Kai-Uwe von Hassel angelehnter Verteidigungsminister Hermann Weltke) sind zum überwiegenden Teil gut besetzt – bloß auf Walter Sittler als Staranwalt aus den USA, der mit deutschem Akzent Englisch spricht, hätte man getrost verzichten können.

Um an den Filz aus Korruption und Kungelei zu erinnern, der milliardenschwere Rüstungsdeals umgeben hat – und mutmaßlich immer noch umgibt –, hätte man kaum ein besseres Thema als den legendären Starfighter wählen können.

„Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern“ Do 20.15 Uhr, RTL