Theaterinstallation

"Söhne & Söhne": Sechs Stunden klare Haltung

Die Braut in der Krankenstation. Eine von 49 Performerinnen und Performern der
Theaterinstallation „Söhne & Söhne“ von SIGNA

Foto: Arthur Köstler

Die Braut in der Krankenstation. Eine von 49 Performerinnen und Performern der Theaterinstallation „Söhne & Söhne“ von SIGNA

In SIGNAs neuer Theaterinstallation "Söhne & Söhne" werden auch die Besucher der Schauspielhaus-Produktion zu fiktiven Firmenbrüdern.

Hamburg.  Der Name "Söhne & Söhne" prangt groß an der gläsernen Eingangstür der ehemaligen staatlichen Gewerbeschule für Bauhandwerker auf der Uhlenhorst. Was mag das wohl für eine Firma sein? Am höflich wienernden Türsteher vorbei betritt man eine fremde, hermetische Welt. Die Hamburger Filiale einer Traditionsfirma soll hier residieren, weltweit operierend mit weit zurückreichenden Wurzeln. Und sie ist auf der Suche nach neuem Personal. An der Garderobe bleibt die klassische Zuschauerrolle ­zurück. Jeder Besucher wird automatisch Teil der Aufführung, pardon, der Firma. Nicht zu verwechseln mit peinlichem Mitmachtheater.

Nach dem Erfolg von "Schwarze Augen, Maria" 2013 hat Schauspielhauschefin Karin Beier erneut das schwer angesagte Duo SIGNA für eine ihrer großformatigen Theaterinstallationen eingeladen. Im Treppenhaus von "Söhne & Söhne" empfängt einen dumpfes Dröhnen. Aus Lautsprechern krächzt es. Der Rhythmus, der Herzschlag des Unternehmens ist aus dem Tritt, heißt es. Überall wird man von streng dreinblickendem, schmallippigem, graumausigem Personal weitergeschleust. Mit den übrigen "Bewerbern" findet man sich in einem postsowjetischen Charme versprühenden Versammlungsraum wieder. 100 Schattierungen von Grau. Eine traurige Hammond-Orgel dudelt vor sich hin, eine Balletteuse verrenkt sich auf der Bühne.

Schließlich kommen die Reden, das Einschwören auf einen harten Probenarbeitstag. Mit einer Nummer versehen und einem Klemmbrett bewaffnet, geht es mit wechselnden Mitstreitern durch zehn Bürostationen. Das ganze Setting ist von Signa Köstler und Mona el Gammal mit höchster Perfektion ausgearbeitet. Die Büros sind vollgestopft mit allerlei 70er-Jahre-Büromaschinen sowie Krankenbetten, Schränken, Schreibtischen, Lampen und Schnurtelefonen bis hin zum in der Ecke vor sich hin sterbenden Gummibaum. "Elatus", lateinisch für "erhaben, edel", wird man überall begrüßt. Alle heißen hier "Sohn", auch die Firmentöchter, die sich wacker Ordnungsstufen emporarbeiten. Es ist ihnen verdammt ernst mit der "neuen Ära".

Die "Abteilung für Resistenz-Schulung" wartet mit Stiefeln, Gasmasken und einer Dunkelkammer auf ­uner­schrockene Besucher, die sich dort einer Aggressionssimulation stellen. Die Ahnung einer brutalen politisch-militärischen Außenwelt beschleicht den, der es überstanden hat. In der Krankenstation spürt man zu säuselnden Geigen im Bett liegend der Todeserfahrung nach. Es gibt aber auch – auf den ersten Blick – heitere Orte. Etwa das Freizeitzentrum. Hier wird man auf die Firmenvereine eingeschworen, vom Vogelstimmenclub bis zum Verein der Nichtstuer. Der unbekleidete FKK-Vereinsvorsitzende ist auch schon da. Ananasbowle wird gereicht. Angeheitert geht die Runde auf eine "Reise nach Jerusalem". Aber es können nicht alle gewinnen. Der ökonomische Wettbewerb, er lauert hinter jeder Polonaise.

Es könnte ja alles so nett sein in der neuen Arbeitswelt, wenn da nicht die Paranoia wäre, der sich ums Herz krallende Psychoterror, das grelle Licht, die leeräugigen Gesichter der um stille Begeisterung bemühten Mitarbeiter. Im Büro des Filialleiters wartet Signa ­Koestler als Walerian Lieblingssohn I. an einem gigantischen Eichenschreibtisch neben allerlei totem Getier und fertigen Schnäpsen mit einer Liebeserklärung auf, die mancher wohl gerne von seinem Arbeitgeber hören würde. Und die doch Phänomene wie Überidentifikation und Manipulation im Nu entlarven. Sie habe Angst vor Staub und Schatten, offenbart der Boss. Und der Staub, also das Ende, drohe der Firma, wenn die neuen Mitarbeiter, also wir, das Ruder nicht herumreißen.

Nach einer Stunde ist der Besucher längst vereinnahmt, er kann sich gar nicht passiv distanziert unterhalten lassen, er muss sich permanent verhalten und tut das mit radikal geschärftem Sinn. SIGNAs Theater ist nicht physisch, aber psychologisch durchaus übergriffig. Mit Gewinn für den, der sich darauf einlässt. Niemand muss Dinge preisgeben, aber nebenbei offenbart man Haltungen zu Arbeit, Krankheit, Schuld oder Sterben. "Söhne & Söhne" entpuppt sich als globale Firmenfabrik, zwischen Kafkas Paranoia und Orwells Dystopie. Zwischen Familienpatriarchat und Sekte. Im "Büro für interne Gesetze". werden lässige ­Bemerkungen von der Amtsleiterin umgehend mit einer Notiz auf dem Klemmbrett sanktioniert. Spaß versteht man bei "Söhne & Söhne" nicht.

Und so eilt man im Laufe der Nacht durch die Flure, stärkt sich mit einer Suppe in der Kantine und lässt sich von einem stumm weinenden Hausmeister umarmen. Die Firma funktioniert mit der Präzision eines Uhrwerks. Jeder weiß, was er zu tun hat und hat auf Nachfragen die passende Antwort parat. Das ist die hohe Schule der Improvisation. Und eben die hohe Kunst des SIGNA-Personals. Auf radikale Weise schluckt einen die Parallelwelt und man erschaudert, wenn man am Ende nach sechs Stunden und einem in Stanley-Kubrick-Manier inszenierten Abschlussritual wieder ausgespuckt wird.

Die je 70 Karten für die Vorstellungen von "Söhne & Söhne" sind derzeit vergriffen, es lohnt sich aber, für Restkarten vor Ort nachzufragen. "Söhne & Söhne" ist ein Ereignis, das mit Raffinesse das Fühlen und Denken ergreift und lange nachwirkt. Mehr kann man vom Theater nicht verlangen.

"Söhne & Söhne" Vorstellungen bis 18.1., ehemalige Staatliche Gewerbeschule für Bauhandwerker,
Averhoffstr. 38, Restkarten jeweils an der Abendkasse

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