Kampnagel

Internationale Ensembles beim Überjazz Festival

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Heinrich Oehmsen
Saxofonist Orlando Julius
sorgte beim Überjazz
für Begeisterungsstürme

Saxofonist Orlando Julius sorgte beim Überjazz für Begeisterungsstürme

Foto: Stefan Malzkorn

Wieder einmal gibt es viel zu entdecken beim Überjazz Festival, etwa das Felice Sound Orchestra um den Elektroniker Viktor Marek.

Klangbrei. Furchtbar“, lautet der knappe Kommentar eines etwa 50 Jahre alten Überjazz-Besuchers zur norwegischen Band Jaga Jazzist. Später im Kampnagel-Foyer diskutiert eine Gruppe jüngerer Fans mit leuchtenden Augen über den Auftritt der zehnköpfigen Formation und kann sich vor Begeisterung über die Lichtshow und die stilistische Vielfalt der Skandinavier kaum einkriegen.

Das Überjazz Festival polarisiert, Jazz-Puristen werden hier nicht glücklich. Aber es besitzt wachsende Anziehungskraft und ist inzwischen zu einer Marke geworden. Fast 3000 Besucher sind an diesem Wochenende in die Kampnagel-Fabrik gekommen, um in vier Hallen 22 verschiedene Ensembles zu hören – und das bei einem Programm, das auf große Namen verzichtet. Der bekannteste Künstler beim siebten Überjazz dürfte der britische Elektro-Zauberer Matthew Herbert sein. Die meisten Bands dagegen sind in unterschiedlichen Nischen diverser Genres zu Hause. Doch es gibt in Hamburg offensichtlich ein aufgeklärtes und neugieriges Publikum für Musik in einem Koordinatensystem aus Avantgarde, Jazz, Weltmusik, Metal und Elektronik.

Das sitzt dann zum Beispiel in der großen Halle k6, um dem von vier Streichern des Ensemble Resonanz verstärkten Gondwana Orchestra des britische Trompeters Matthew Halsall aufmerksam zuzuhören. Halsalls Musik schlägt eine Brücke zwischen den verschiedenen Genres, auf ihn können sich die meisten Überjazz-Besucher einigen. Riesiger Andrang auch beim nigerianischen Saxofonisten Orlando Julius und der Londoner Band The Heliocentrics. Zu den Afrobeat-Klängen dieser Legende und auch zum Bigband-Reggae der Münchener Polyversal Souls könnte man sogar tanzen, doch zum Partyraum wird Saal k2 erst spät in der Nacht bei Dam-Funk, einem Trio aus Los Angeles.

Wieder einmal gibt es viel zu entdecken bei diesem Überjazz Festival, etwa das hiesige Felice Sound Orches­tra um den Elektroniker Viktor Marek, den an Steely Dan erinnernden Sänger Jarrod Lawson oder das Züricher Duo Egopusher, das dem Auditorium mit lauter postindustrieller Kammermusik die Ohren frei pustet.

Große Einigkeit herrscht später über die herausragende Band dieses Festivals: der aus New Orleans stammende Trompeter Christian Scott zeigt mit einem jungen Sextett, dass er zu den wichtigsten Stimmen der afroamerikanischen Jazz-Szene gehört. Seine Musik ist laut, frei, politisch und sie tut weh. Scotts Trompete schreit gegen den immer noch bestehenden Rassismus an. Kommentar eines Zuhörers: „Wahnsinn!“