Reisekomödie

„Die Straße der Pfirsiche“ ist ein großes Glück für den Leser

| Lesedauer: 4 Minuten
Thomas Andre
F. Scott Fitzgerald
mit seiner Frau
Zelda und Tochter
Scottie

F. Scott Fitzgerald mit seiner Frau Zelda und Tochter Scottie

Foto: picture-alliance

Ein Roadtrip von Connecticut nach Alabama: F. Scott Fitzgeralds Reisekomödie „Die Straße der Pfirsiche“ erscheint erstmals auf Deutsch.

Eigentlich ist die ganze Karre ein rollender Schrotthaufen, es quietscht, ruckelt, stottert. Manchmal fallen die Räder einfach ab. Die Reifen sind Pflege­fälle, aber Zelda und Scott geben ihnen Namen: Die beiden vorderen heißen Samson und Herkules, die hinteren Lazarus und Santa Claus.

Ein Roadtrip von Connecticut nach Alabama, eine Fahrt auf dem Highway der Sehnsucht und ein Schriftstellerpärchen in der Prä-VIP-Phase seiner Biografie: Dass F. Scott Fitzgeralds früher Text „Die Straße der Pfirsiche“ jetzt erstmals auf Deutsch erscheint, ist ein großes Glück für Leser. Und zwar nicht nur für die Leser des großen F. Scott Fitzgerald (1896-1940), der der Welt­literatur „Der große Gatsby“ schenkte, sondern auch für diejenigen mit einem Sinn für subtile literarische Komik, die Reisereportagen am liebsten lesen, wenn sie dezent parodistische Züge haben.

Im Original heißt die Geschichte „The Cruise of the Rolling Junk“; sie erschien 1924 in einem amerikanischen Magazin. Innerhalb des Fitzgerald-Werks ist sie bislang kaum beachtet worden – dabei fügt sie der Geschichte des berühmt-berüchtigten Glamour-Paares Zelda & Scott das vielleicht leichteste und selbstironischste Kapitel hinzu.

Das Ehepaar lebte exzessiv und an vielen Orten, trank mit Hemingway in Paris und lud zu Gelagen in New York. Eine zärtlich-brutale Liebesgeschichte mit Zerwürfnissen, Gewalt, Betrug und Wahn, ein wildes Leben, dem beide früh Tribut zollen mussten; Zelda Fitzgerald starb 1948 in der Nervenheilanstalt, F. Scott Fitzgerald 1940 an einem Herzinfarkt.

In „Die Straße der Pfirsiche“ treffen wir auf zwei junge, unverbrauchte Reisegefährten. Sie sind unterwegs zu einem mythischen Ort, an dem die Pfirsiche wachsen – Zeldas Heimat Montgomery, Alabama. Der dritte Reisende ist ihr Transportmittel selbst, der „Rolling Junk“, nach dessen Gebrechen sich der Rhythmus der Reise richtet. Die so köstlich beschriebene Tour mit den vielen Hindernissen, mit Werkstattaufenthalten, schlechten Hotels, lügenden Reiseführern und rundum strapaziösen Bedingungen fand 1920 tatsächlich statt. Literatur wird aus der Reise­reportage, weil Fitzgerald die Erlebnisse „on the road“ bei der Niederschrift zuspitzte, übertrieb und in ein mildes Licht der Melancholie tauchte.

Die schönsten und wahrsten Sätze sind reinster Fitzgerald und betreffen die Ankunft in Zeldas Kindheits- und Jugendwelt: „Plötzlich begann Zelda zu weinen, sie weinte, weil alles wie früher war und zugleich nichts wie früher. Sie weinte wegen ihrer Treulosigkeit und der Treulosigkeit der Zeit.“

Treffender kann man Vergänglichkeit nicht umschreiben.

Und das Wiedererkennen, das einen befällt, täuscht, freut; was wäre der ersehnte Alabama-Pfirsich anderes als die Combray-Madeleine bei Proust?

Man kann in dem Bändchen all das finden, was F. Scott Fitzgerald, jener skeptische Porträtist des amerikanischen Traums, in seinen Erzählungen und Romanen behandelt hat. Zu allererst wäre da der sich selbst nicht zu ernst nehmende, ziemlich unperfekte Typ zu nennen, der mit seiner schönen Frau unterwegs ist, aber ständig improvisieren muss, weil gleichsam nach jeder gefahrenen Meile die Reise kurz vor dem Abbruch steht. Es ist hinreißend, wie Fitzgerald in „Die Straße der Pfirsiche“ dem in praktischen Dingen vollends überforderten Geistesmenschen ein Denkmal setzt. Denn natürlich hat der Fahrer der Schrottlaube keine Ahnung, wie er sie halbwegs wieder zum Laufen bekommen soll, wenn sie mal wieder liegen bleibt.
Der „Rolling Junk“ – offiziell: der Expenso – ist übrigens letzten Endes wahrscheinlich das am würdevollsten behandelte Auto der Weltliteratur. Allein schon die Idee, mit einem offensichtlich nicht fahrbereiten Auto aufzubrechen, zeugt von unbändigem Vertrauen.

Oder vom Willen, der Fahrt einen existenzialistischen Überbau zu geben: Ankommen oder nicht ankommen, das ist hier die Frage.