Interview

Ulrich Tukur: „Bis der Erste tot umfällt“

Die tun fast nichts, die wollen nur spielen: Ulrich Tukur (r.) mit den Rhythmus Boys Kalle Mews (l.) Ulrich Meyer und Günter Märtens

Die tun fast nichts, die wollen nur spielen: Ulrich Tukur (r.) mit den Rhythmus Boys Kalle Mews (l.) Ulrich Meyer und Günter Märtens

Foto: Katharina John

Irgendwas ist ja immer: Auf der Bühne wartet Ulrich Tukur gern mal auf sich, es gibt eine neue CD und Jubiläumskonzerte mit seinen Rhythmus Boys.

Hamburg. Ein Sack voller Flöhe, die man hüten soll, obwohl die kleinen Racker immer wieder nach links oder rechts weghuschen. Wieso man beim Gespräch mit Ulrich Tukur daran zu denken beginnt? Das könnte mit dem Gedanken-Galopp zu tun haben, der sich hin und wieder hinter der leicht erhöhten Stirn abspielt. Oder mit seinen Kollegen seiner Spaßkapelle „Rhythmus Boys“, die es mittlerweile 20 Jahre gibt und das Jubiläum mit der neuen CD „Let’s Misbehave“ feiern wollen. Und die gern ihre Meinung loswerden möchten oder fragen, welche Schuhe zu welchem Bühnenanzug passen. Oder der Rumalberei über die Vorzüge traditioneller Hamburger Rezepte, die Tukur, obwohl er – noch! – in Venedig und im Appenin lebt, lobpreisen möchte. Zwischendurch rappelt mehrfach Tukurs Handy und die Espresso-Frage muss auch geklärt werden.

Hamburger Abendblatt: Wenn Sie Ihre CD schon dem Danebenbenehmen widmen – ist gepflegtes Danebenbenehmen eine zu Unrecht unterschätzte Kunstform?

Ulrich Tukur: Wenn man sich auf eine charmante Art danebenbenimmt und der allgegenwärtigen politischen Korrektheit mal vors Schienbein tritt, dann ist es gut. Das wird zu selten gemacht.

Man braucht aber schon eine gewisse moralische Reife dafür?

Tukur: Über eine gewisse Geschmackssicherheit sollte man verfügen, sonst kann das schiefgehen. Wir werden erdrückt von Geboten und Gängeleien, man darf ja nicht mal in Konzerten rauchen! Das geht nicht. Dem muss ein Riegel vorgeschoben werden. Eine Havanna sollte schon drin sein. Unser Programm ist ein augenzwinkernder Aufruf zur Rebellion. Darunter würde ich’s jedenfalls nicht machen.

Welches Danebenbenehmen erfreut Sie als Teilzeit-Italiener mehr, das auf Deutsch oder auf Italienisch?

Tukur: Auf Italienisch. So herrlich schimpfen und seine Wut an Dingen und Menschen auslassen kann man in kaum einer anderen Sprache, und es wirkt auch nicht so rüpelhaft.

Beschimpfen kann jeder, beleidigen ist die wahre Kunst?

Tukur: Es geht nicht darum, jemanden in seiner Ehre zu verletzen, sondern darum, mit Witz auf Ungereimtheiten und Sinnlosigkeiten zu zeigen. Man sollte das alles nicht so ernst nehmen. Wir sind ja doch alle Mitspieler in einem absurden Stück, dessen Sinn wir nicht kennen, warum also sollten wir uns diese knappe Zeit mit Verboten und unsinnigen Regelwerken vermiesen? Die hohe Kultur des Kompromisses muss es schon geben. Aber das reicht dann auch. Es muss doch nicht alles bis ins Letzte geregelt werden.

Kants kategorischer Imperativ ist überschätzt?

Tukur: Der ist bindend. Der ist wirklich gut. Hätte Jesus von Nazareth nicht besser formulieren können. Ansonsten: Wen interessiert’s, wenn ich in einer Hotelbar eine Zigarette rauche oder mir in der Apotheke eine Opiumtinktur hole?

Ist Schauspieler der ideale Beruf, um sich tariflich geregelt der Triebabfuhr zu widmen?

Tukur: (lacht) Wenn Sie in einem subventionierten Theater arbeiten, dann ja. Aber das hat mich irgendwann auch nicht mehr interessiert. Triebabfuhr also ...? Kann man so sagen. Man kann sich selbst reinigen, aber auch verzaubern und erhöhen. Ist doch wunderbar.

Da höre ich einen Hauch Sehnsucht, mal wieder auf die Bühne zu wollen.

Tukur: In den Konzerten mache ich es ja. Das ist mein Abend, den führe ich, im Gegensatz zum Spiel vor der Kamera, da wird man stark eingeschränkt und so durch die Postproduktion genudelt, dass am Ende gar nicht mehr zu erkennen ist, was man hineingegeben hat. Natürlich möchte ich gerne zur Bühne zurück. Und ich werde das auch machen, es wird mit meiner Rückkehr nach Deutschland zu tun haben. Ich möchte dann auch wirklich länger an einem Ort sein. Dieses unstete Reiseleben, das müsste dann vorbei sein.

Also fest an ein Haus?

Tukur: Fest nicht. Was es aber genau sein wird und mit wem, weiß ich noch nicht.

Um aufs Danebenbenehmen zurückzukommen: Womit – außer mit schlechtem Essen – kann man Sie beleidigen?

Tukur: Mit dämlichen Telefonaten, die gerne und oft in Zügen geführt werden und deren Protagonisten dich mit beeindruckend lauter Stimme zwingen, dir den ganzen Schmonzes ihrer unsäglichen Existenz mitanzuhören. Und mit alkoholfreiem Bier.

Bei Künstlern und ihrer Disziplinfähigkeit gibt es oft Grauzonen. Haben Sie sich dieses Zusammenreißen antrainiert, oder klappt das mit dem Beherrschen nach wie vor nicht so ganz?

Tukur: Was meine Auftritte bei Konzerten oder im Theater angeht – da habe ich mir Disziplinlosigkeit von Anfang an verboten. Ich war immer pünktlich und zuverlässig. Wenn jemand sich eine Karte kauft und kommt, dann ist das ein Vorgang, der nicht selbstverständlich ist und dem man mit Respekt und Dankbarkeit begegnen sollte. Dann muss man so gut sein, wie es nur irgend geht. In meinen jüngeren Jahren ging es noch, am Abend zuvor lange zu feiern und am nächsten Tag völlig verkatert einen 1a-Hamlet hinzulegen. Das würde ich heute nicht mehr wagen.

Sie und Ihre Rhythmus Boys sind jetzt 20 Jahre am Start. Wie muss man sich das auf Tournee vorstellen? So à la altes Streichquartett, dass nie zusammen frühstückt und sich das erste Mal am Tag auf der Bühne spricht? Oder können Sie sich untereinander noch ausstehen?

Tukur: Wir sind kein Streichquartett, wir sind eine Tanzkapelle, und darum ist es immer besser geworden. Vor zwei, drei Jahren hatte ich eine kleine Krise. Ich war müde und überarbeitet. Aber jetzt hat das Programm, das so wunderbar funktioniert, mir wieder Kraft gegeben und einen Mordsspaß gemacht.

Ab wann mutiert man zu alten Ehepaaren, stumm im Tourbus sitzen und jeder weiß ganz genau, wo der Kamillentee stehen muss?

Tukur: Kann ich nicht sagen. Männer sind da etwas anders als Frauen: Es wird nicht alles verhandelt. Das hält die Sache vermutlich etwas frischer, weil man nicht alles zerquatscht und auch mal Abstand hält.

Wenn man so lange wie Sie Schauspieler ist, und Sie spielen ja auch nicht den handelsüblichen Vorabendserien-Familienvater – profitiert man davon für sich selbst? Wird man so besser im Leben? Oder nur genervter von den anderen?

Tukur: Das ist schwer zu beantworten... Besser wird man durch das Spiel mit einer Rolle ganz sicher nicht. Aber es säubert ein wenig, man wird eine Menge los. Ich versetze mich gern in andere Leben. Dabei ist es wichtig, einen Zugang zur jeweiligen Rolle zu finden, egal, ob das ein pädophiler Triebtäter ist, ein Nazi-Offizier oder ein Zoologe. Du bist als Schauspieler immer eine Art Anwalt der Figur, die du spielst. Du musst sie raushauen und manchmal – bei einer historischen Rolle - auch vor der Geschichte verteidigen. Das heißt aber nicht, daß Du sie und ihre Missetaten rechtfertigst. Du zeigst nur, wie es hat passieren können. Ich finde es außerordentlich spannend, zu sehen, wie Menschen mit den Anwürfen ihrer Zeit umgegangen sind. Wo sie gewonnen oder verloren haben. Und es gab fast keinen Charakter, den ich nicht irgendwie hätte nachvollziehen können. Wäre mein Leben anders verlaufen, hätte möglicherweise auch ich diesen oder jenen fatalen Fehler gemacht. Hochinteressant, was das an Gefühlen in einem selbst auslöst. Aber deswegen verändert man sich durch so ein Rollenspiel weder zum Positiven noch Negativen.

Ein anderer Teil Ihrer Karriere: das, was landläufig unter „singender Schauspieler“ abgeheftet wird. Da gibt es ganz fürchterliche Beispiele, insbesondere bei gewissen „Tatort“-Darstellern.

Tukur: Das will ich nicht beurteilen. Bei mir begann es jedenfalls mit der Musik. Der Erfolg eines Germanistik-Seminars über Tucholsky an der Tübinger Uni machte mich zum Straßenmusikanten. Und darüber bin ich dann zum Theater gekommen. Ich bin also eher ein schauspielender Musiker als andersherum.

Es gibt Künstler Ihrer Altersklassen, die jetzt beginnen, mit Nachdruck das große Alterswerk zu starten. Andere lehnen sich entspannt zurück.

Tukur: Et kütt wie et kütt. Ich habe nie irgendetwas geplant, ich wollte auch nie zur Bühne. Wenn etwas daherkommt – wunderbar. Wenn nicht, dann nicht.

Würden wir die Plätze tauschen, würden Sie nicht denken: Puh, was für ein koketter Satz, dieses ,Ich habe nie irgendetwas geplant‘? Das ist fast Iris Berben, wenn sie sagt ,Ich trinke ganz viel Wasser‘?

Tukur: Ich habe mich immer in andere Welten gesehnt. Ich war in meinem ­Elternhaus, in der Schule, in meiner ­Lebenswirklichkeit nicht glücklich und habe mich weggeträumt. Als Kind, unter der Bettdecke, las ich ohne Ende. Die Musik hat mich entführt. Was soll man da planen?

Kann man sagen, dass das, was Sie machen, nach wie vor glücklich macht? Oder hängt das von der Tagesform ab?

Tukur: Der Beruf, den ich habe, macht mich glücklich, das Leben, das ich führe, mitunter krank. Es ist sehr unstet und anstrengend. Beides zusammen aber gibt mir immer noch mehr, als es mir nimmt.

Wären Sie Maurer, würde am Ende der Tagesleistung die Mauer entweder stehen oder umfallen. Was Sie auf der Bühne oder vor der Kamera machen, lässt sich nicht so einfach beurteilen.

Tukur: Vorausgesetzt, dass dem Maurer das Hochziehen der Mauer etwas bedeutet und er besonders schöne Backsteine verbaut hat ... Oder rede ich jetzt Unsinn? Wenn ich jedenfalls nicht immer mal wieder das Gefühl von Beglückung und Schwebenkönnen hätte, würde ich es nicht machen. Man kennt seine Beschränktheiten. Das Sein auf der Bühne oder im Konzert, auch vor der Kamera ist immer der Versuch, ein wenig besser zu sein, als man wirklich ist. Über einen Schatten zu springen, über den man sonst nie hinwegkommt. Einen Moment von Durchlässigkeit zu erreichen, wo man sich verblüfft und spürt, wie ein magischer Funken aufs Publikum überspringt. Ein erhebendes Gefühl, ein großer Moment. Aber im Gegensatz zur Mauer ein flüchtiger.

Und der schlimmste Moment ist der nach dem Ende, in der Garderobe, wenn das Adrenalin noch durch einen flutet und man sich sagt: Mist, ist vorbei.

Tukur: Das ist kein schlimmer Moment, im Gegenteil, denn wenn es gut gelaufen ist, ist es ein Moment tiefer Entspannung und großer Befriedigung. Und dann, sage ich Ihnen, wenn Sie dann dieses kühle Bier trinken ... Doch es dauert tatsächlich nicht lange. Es verfliegt so schnell

Legale Droge also?

Tukur: Ja. Vom mäßiger Längenwirkung.

Fehlt Ihnen eigentlich das Neurosenbiotop Theaterkantine oder gibt’s so etwas auch bei Film-Drehs?

Tukur: Nein, das ist da ein ewiges Karussell. Aber ich vermisse das auch nicht mehr..

Wenn Sie im Hotel einchecken, genügt als Berufsbezeichnung ,Ulrich Tukur‘? Oder was schreiben Sie dann?

Tukur: (lacht) „Musiker“ hab ich mich nie getraut. Streng genommen dürfte ich nicht mal „Schauspieler“ schreiben, denn ich hatte die Stuttgarter Hochschule schon vor dem Abschluss verlassen. „Schausteller“ oder „Hanswurst“? „Hochstapler“ wäre auch nicht falsch.

Nach zwei Jahrzehnten mit Ihrer Band – wie lange soll’s noch dauern?

Tukur: Bis der Erste tot umfällt.

Da könnten Sie doch überall preisgünstig Musiker-Nachschub kriegen.

Tukur: Ich hoffe, dass es noch lange weitergeht. Wir machen eine Musik, mit der man tatsächlich gut alt werden kann, ohne dass es lächerlich wird. Wir machen eine immer bessere Figur, je länger wir durchhalten.

Zum Abschied bekommen Sie noch einen Interview-Klassiker. Vollenden Sie den Satz: ,Wenn ich auf der Bühne bin ...‘

Tukur: … dann sag’ ich erst mal nichts. Dann warte ich auf mich.

Das ist aber echt kurz vor Peter Handke.

Tukur: Das ist von Peter Zadek.

CD: Ulrich Tukur & Die Rhythmus Bosy „Let’s Misbehave“ (Trocadero / Indigo, VÖ: 23.10.) Gesprächsrunde: „Selbstporträt im Dialog“ mit dem Theaterkritiker Peter Kümmel. 24.11., 19 Uhr. Freie Akademie der Künste. Eintritt: 10 Euro. Konzerte: Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys. 20.12. (Restkarten) / 6.1., jew. 20 Uhr. Laeiszhalle, Gr. Saal. Karten (52,70 bis 69,20 Euro) unter T. 01806/570070.