Literatur

Diese Bücher sollten Sie unbedingt lesen

Heute beginnt die Frankfurter Buchmesse

Heute beginnt die Frankfurter Buchmesse

Foto: Arne Dedert / dpa

Heute beginnt die Frankfurter Buchmesse. Die Abendblatt-Kulturredaktion stellt die wichtigsten literarischen (Neu-)Erscheinungen vor.

Heute beginnt die Frankfurter Buchmesse. Die Abendblatt-Kulturredaktion stellt die wichtigsten literarischen (Neu-)Erscheinungen vor. Literatur überwindet Grenzen und erweitert Horizonte. Zwischen den Buch­deckeln, aber auch auf Branchentreffen, Orten der Selbstinszenierung also. Der Literaturbetrieb trifft sich mehrmals im Jahr und nirgends in so üppigen Dimensionen wie in Frankfurt. Bei der dortigen Buchmesse (14.–18.10.) gibt es traditionell ein Gastland, dessen Literatur, Kultur und Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt wird.In diesem Jahr ist das Indonesien, von dem vielleicht gerade die Wenig­gereisten lediglich wissen, dass es das Land mit den meisten Muslimen ist – und es aus vielen Inseln besteht. Also, lesen bildet, Bücher helfen!

Eine Insel im Meer des Flüchtigen, der Bilder und der digitalen Aufgeregtheiten ist übrigens jedes einzelne Buch: Man kann Zuflucht bei ihm suchen für die Dauer einer Lektüreeinheit, die von Fall zu Fall variieren kann. Die letzte Erzählung von Siegfried Lenz („Das Wettangeln“) ist ein Kleinod, der neue Roman von Jonathan Franzen („Unschuld“) dagegen ein kluger und dicker Pageturner, in dem man sich tagelang lesend, staunend und auch schmunzelnd aufhalten kann – es geht ja um die unheilvolle Macht des Internets, und Kulturpessimismus kann Franzen richtig gut.

Wochen-, monate- und jahrelang kann man mit dem kolossalen Werk Karl Ove Knausgård zubringen. Der Norweger gilt derzeit als Literatursensation: In sechs Bänden hat der Familienvater sein Leben aufgeschrieben. Es ist ein Leben, das, in weiten Teilen, jeder von uns führen könnte. Aber kaum jemand würde so schonungslos Zeugnis ablegen. Der fünfte Knausgård-Band „Träumen“ ist eine der wichtigsten Neuerscheinungen dieses Buchherbstes. Das gilt auch für das letzte Buch von Günter Grass, der wie Lenz kürzlich starb: „Vonne Endlichkait“ heißt es. Endlichkeit hat der deutsche Literaturbetrieb auch mit den Ableben von Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und Fritz J. Raddatz zwar nicht unbedingt erfahren; er ist jedoch ärmer geworden.

Wie gut, dass es in der lebensprallen Welt der Bücher immer Nachschub gibt. Die Abendblatt-Kulturredaktion hat die überquellenden Verlagsprogramme sortiert und die interessantesten Titel des Herbstes ausgewählt. Romane, Erzählungen, Krimis, Sachbücher – unsere Top-Elf deckt die Vielfalt der Literatur anno 2015 ab und kann doch nicht deren ganzen Reichtum abbilden. Wir wünschen viel Freude beim Lesen! (tha)

Salman Rushie

„Sein Ruf als Gärtner und Landschaftsgestalter war gewachsen, und man empfahl ihn Alexandras Verwalter, einem britischen, bieder knorzigen Typen namens Oliver Oldcastle, der weiße Koteletten und einen Bart wie Karl Marx hatte, eine Stimme wie ein Fagott, ein Alkoholproblem und eine katholische Erziehung à la Pater Jerry, von der ihm die Liebe zur Bibel und ein Hass auf die Kirche geblieben waren.“ Hätte man zwei Sätze daraus machen können? Nicht bei Salman Rushdie, dem außerordentlichen Fabulierer, der in „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ (Bertelsmann, 19,99 Euro) eine auf orientalische Weise erzählte, fantastisch-realistische Gegenwartsgeschichte ausbreitet, voller Witz und Schlitzohrigkeiten. Lassen Sie sich von der arg weitschweifigen Vorgeschichte nicht entmutigen; Rushdies virtuoses Spiel mit den „Geschichten aus 1001 Nacht“ ist ein großer Lesespaß, mit dem man sich an Herbstabenden gut betrinken kann. (TRS)

Umberto Eco

Zwischen hofnarrenhafter Harmlosigkeit und ausgekochter Raffinesse hat Umberto Eco seinen neuen Roman „Nullnummer“ (Hanser, 21,90 Euro) geschrieben, eine Geschichte über Enthüllungsjournalismus, und vor allem eine über die Verkommenheit der politischen Kultur in Italien. Eco treibt ein parodiehaftes Spiel, und man nimmt das gern in Kauf in diesem unterhalt­samen Politthriller. Erzählt wird, wie sich eine Riege verzweifelter journalistischer Glücksritter zusammenfindet, um einen Zeitungdummy namens Domani („morgen“) zu produzieren, mittels dessen Gerüchten man hofft, korrupte Politiker unter Druck zu setzen. Nach und nach aber wird klar, dass Eco sich hier selbst als Enthüllungs­autor betätigt hat. Seine schlecht verbrämte Sicht auf die Ära Berlusconi als Auswuchs alter, tief verschworener Macht- und Mafiastrukturen krönt er mit der sündigen Verstricktheit des Vatikans und der realistischen Aussicht auf den totgeglaubten Mussolini. (eng)

Zeruya Shalev

In den Büchern der israelischen Schriftstellerin geht es immer um die letzten Dinge: Liebe und Tod, Familie und Trennung, Alter und Jugend(wahn). Dabei findet Zeruya Shalev einen ganz eigenen Sound, der die Autorin vor rund 15 Jahren mit ihrem Roman „Liebesleben“ schlagartig berühmt machte. Auch in „Schmerz“ (Berlin Verlag, 24,00 Euro) stellt sich nach wenigen Seiten wieder der bekannte Sog ein, der den Leser atemlos das Schicksal der Schuldirektorin und zweifachen Mutter Iris mitverfolgen lässt. Iris wird Opfer eines Bomben­anschlags. Als sie mit zerschmetterten Gliedern ins Krankenhaus eingeliefert wird, trifft sie dort ihre unvergessene Jugendliebe wieder. Die beiden beginnen eine Affäre, die weitaus intensiver ist, als die Bezeichnung es auszu­drücken vermag. Die Normalität bröckelt, der Alltag verrutscht ins Chaos – und wie zwingend Zeruya Shalev von diesen Dingen erzählt, ist unbedingt lesenswert. (jac)

Astrid Lindgren

„Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze übrige Menschheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen“, schreibt Astrid Lindgren im Mai 1940 in ihr Tagebuch – und meint natürlich die Deutschen, die später zu den leidenschaftlichsten Bullerbü-Bewunde­rern werden sollten. Verblüffend hellsichtig sind die Gedanken, die die junge Frau und Mutter zwischen 1939 und 1945 oft schon im typischen Lindgren-Sound verfasste. Hitler und Mussolini sind da „zwei kernige Jungs“, die menschliche Dummheit „einfach kolossal“. Gerade der mitunter flapsige Ton aber, die Mischung aus Privatem und einem politischen Geist, den sich Lindgren aus Zeitungen und (als Mitarbeiterin der Briefzensur) heimlich kopierten Korrespondenzen formt, macht „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ (Ullstein, 24 Euro) zur fesselnden Lektüre. Vielsagend auch darin, was man damals im neutralen Schweden alles wissen konnte. (msch)

Véronique Olmi

Paris, Rue de Rivoli. Ein Inbegriff französischer Eleganz und Lebensart. Nahe dem Grand Palais im vornehmen achten Bezirk hat Véronique Olmi ihren neuen Roman, die „Nacht der Wahrheit“ (Kunstmann, 19,95 Euro), angesiedelt. Der Leser streift mit dem zwölfjährigen Enzo am Seine-Ufer entlang, er hat den Geruch des Parks in der Nase. Enzo wohnt dort – aber nur fast. Denn seine Mutter, eine russische Einwanderin ohne Papiere und gerade mal 17 Jahre älter als er, lebt mit ihm in einem Zimmerchen der riesigen Wohnung, die sie tagein, tagaus für die fast immer abwesenden Besitzer putzt. Enzo führt ein Leben im Konjunktiv. Seine Mutter weiß nicht, dass er in der Schule gemobbt wird, und über seinen Vater schweigt sie eisern. Olmi zeichnet Enzos gequälten und doch zärtlichen Blick auf die Welt minutiös nach. Sie bleibt Enzo auch in der Katastrophe noch nahe, die unweigerlich folgt. Ohne Sensationsgier, ohne Pathos, mit schlichter Anteilnahme. (vfz)

Billy Hutter

„Wir Entrümpler sind Glücksritter der Dachböden“, schreibt Billy Hutter in seinem Roman „Karlheinz“ (Metrolit Verlag, 25 Euro), „wir träumen vom Fund, der uns von der Arbeit erlöst.“ Tatsächlich verdient der Aktionskünstler und Autor sein Geld vor allem mit Haushaltsauflösungen; bei einem dieser Jobs stieß er in Ludwigshafen auf den Nachlass von Karlheinz N., der mit Mitte 60 im Rhein ertrunken war. Fotos, Schulaufsätze, Quittungen und Kisten voller Notizen lagerte Hutter zunächst ein, um zehn Jahre später daraus ein Buch zu machen.

Die mit fiktiven Elementen angereicherte Lebensgeschichte eines Spießbürgers, der während des Zweiten Weltkrieges aufwuchs und zu einem winzigen Puzzleteil im Wirtschaftswunder-Deutschland wurde, ist Zeitbild und Charakterstudie zugleich. Immer mehr möchte man über diesen Karlheinz wissen, dessen tristes Leben wohl typisch für so viele aus seiner ­Generation ist. (hot)

Feridun Zaimoglu

„Siebentürmeviertel“ (Kiepenheuer & Witsch, 24,99 Euro) stellt Feridun Zaimoglu die angeblich vom Propheten stammende Überlieferung voran: „Gott hat neunundneunzig schöne Namen, einen weniger als hundert.“ Damit macht er auf den folgenden knapp 800 Seiten ernst, die er in Kapitel unterteilt, die diese 99 Namen tragen.

Zum ersten Mal nimmt der Autor seine Leser mit in eine historische Welt. Er erzählt vom Leben im titelgebenden Stadtteil Istanbuls zwischen 1939 und 1945. Der Text ist ein Kaleidoskop und eine Reflexion über die Heimat und das Fremde, erzählt aus der Perspektive des deutschen Jungen Wolf, der staunend das Vielvölkerviertel kennenlernt, in dem einst Zaimoglus Vater aufwuchs. Multikulti trifft in diesem Text auf archaische Macho-Machtstrukturen und listige Frauen, die sie subtil unterlaufen. Die Sprache des Autors ist in ihrer überbordenden Vielfalt wieder eine Wucht . (vob)

Péter Gárdos

Niemals das geschriebene Wort unterschätzen! Das könnte einer der Schlüsse sein, die man aus der Lektüre des wunderbar unverkrampften Holocaust-Romans „Fieber am Morgen“ (Hoffmann und Campe, 22 Euro) zieht. Es ist 1945, Miklós, ein junger Ungar, der Bergen-Belsen überlebt hat, bewohnt todkrank ein schwedisches Erholungsheim – und dann rettet ihn die Liebe. Er schreibt 117 junge Frauen an, die dieselbe Herkunft wie er haben. Und eine von ihnen, Lili, wird seinen Ruf erhören und sein Herz erobern. Und umgekehrt. Leichtfüßig und manchmal auch frivol erzählt der bislang unbekannte Filmemacher Péter Gárdos diese besondere Geschichte. Es ist die seiner Eltern. Verfilmt wird sie auch, und zwar von ihm selbst; das Leinwandwerk soll im Frühjahr 2016 in die Kinos kommen. Wer sich die Zutaten dieser schicksalsmächtigen Story anschaut, der kann sich auch eine durchaus kitschige Hollywoodadaption vorstellen ... (tha)

Friedrich Ani

Die Geister der Vergangenheit kann Jakob Franck einfach nicht loswerden, all diese Toten, denen er in seinen langen Berufsjahren begegnet ist. Jakob Franck war Kriminalhauptkommissar, seit zwei Monaten ist er pensioniert. Die Erinnerungen kleben an ihm wie eine zweite Haut. Jakob Franck ist der Held in dem außerordentlichen Kriminalroman „Der namenlose Tag“ (Suhrkamp, 19,95 Euro) von Friedrich Ani. Darin erzählt der Grimme-Preisträger die Geschichte eines Mädchens, das vor 20 Jahren starb. Selbstmord hieß es damals. Allein der Vater der Toten glaubt nicht daran. Er kann den Pensionär Franck überzeugen, sich noch einmal um diesen fast vergessenen Fall zu kümmern. Franck stellt alte Fragen neu, erhält Antworten, die letztlich nichts sagen. Bis er sie durchbricht, diese Mauer des beredten Schweigens. Genau davon erzählt Ani in seinem wuchtigen Roman: von jenem Schweigen, das zur großen Schuld wird, zur Last, die nicht zu tragen ist. (va)

Michael Köhlmeier

„Alles auf der Welt existiert, um in ein einziges Buch zu münden“, wusste der französische Autor Stéphane Mallarmé. Was für eine hübsche Idee: die Welt als Zulieferbetrieb für die Literatur. Der Schriftsteller Michael Köhlmeier hat diesen Satz seinem wunderbaren Band „Umblättern und andere Obsessionen“ (Edition 5 Plus, 16,80 Euro) als eine Art Leitspruch vorangestellt. Ein passenderes Werk dafür könnte es gar nicht geben. Es geht Köhlmeier, diesem reich begabten Fabulierer, um eine Leidenschaft, die den Autor entscheidend mit seinen, ach was: mit allen Lesern verbindet – Bücher. Um die Geschichten darin, um den, der sie schreibt, den, der sie verschlingt, auch um das Papier, den Einband, die Magie der Literatur und, sehr entscheidend, um das Besitzen von Büchern. In Hamburg ist diese exklusive, schön gestaltete Sonderausgabe nur in der Buchhandlung Felix Jud erhältlich. Wer sie liest, will hinterher vor allem eines: noch mehr lesen. (msch)

Jochen Schmidt

„Ich behauptete, dass ich einen Roman schreiben wollte, der nichts mit mir zu tun hätte, aber nicht dazu käme, weil ich noch nicht alles verstanden hätte, was mir im Leben passiert sei, und Schreiben der einzige Weg sei, das zu ändern.“ Ein typischer Satz von Jochen Schmidt, der 1970 in Ostberlin geboren wurde und in seinen Erzählungen im neuen Band „Der Wächter von Pankow“ (C.H. Beck, 18,95 Euro), einerseits der untergegangenen DDR nachspürt, vor allem aber dem Lebensgefühl jener, die deren Ende als Jugendliche erlebt haben. Wie zuletzt in seinem Roman „Schneckenmühle“ (2013) erweist sich Schmidt erneut als ein Autor, der den Verlust des Vertrauten und die Veränderungen des Alltags mit scheinbarer Naivität und in einer wunderbaren Sprache zum Ausdruck bringt. So begibt er sich auf die Suche nach Orten, die manchmal nur noch in der Erinnerung bestehen, aber durch seine Schilderungen wieder ganz gegenwärtig erscheinen. (M.G.)