Hamburg

Die bösen Buben der neuen Musik Skandinaviens

Esa-Pekka Salonen dirigiert ein Stück von Anders Hillborg beim NDR Sinfonieorchester

Hamburg.  Schon wahr, kalendarisch haben der Schwede Anders Hillborg, Jahrgang 1954, und der vier Jahre jüngere Finne Esa-Pekka Salonen das Jungsalter lange hinter sich gelassen. Dennoch ist man versucht, sie die „Bad Boys of Contemporary Scandinavian Music“ zu nennen. Denn etwas in ihrer Haltung ist rebellisch geblieben, ungeachtet der hohen Exzellenz dessen, was sie musikalisch in die Welt bringen und was dort fraglos in den Definitionscontainer Hochkultur gehörte, wäre der nicht so eine fragwürdige und brüchige Aufbewahrungsstätte für Kunst aller Art. Wenn Salonen, als Dirigent und Komponist zumindest in der Klassikwelt weltberühmt, am morgigen Donnerstag und am Sonntag das NDR Sinfonieorchester dirigiert, dann eröffnet er den Abend mit Hillborgs Stück „Eleven Gates“, das er vor neun Jahren als Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic in Auftrag gab und dort auch uraufgeführt hat. Ein farbenreich schillerndes Werk, von dem Hillborg vergnügt sagt, er möge es auch selbst. Das sei nicht bei all seinen Stücken so.

Die beiden kennen sich seit den späten 70er-Jahren. Damals spielte Salonen noch Horn im Orchester. Und als sie einander in den 80ern wieder begegneten, nun beide als Jung-Komponisten, begann eine enge Freundschaft. Was Hillborg-Förderer Salonen an dessen Kompositionen besonders schätzt, ist „die ungewöhnliche Freiheit. Wir erleben Freiheit oft ohne ausreichendes technisches Rüstzeug. Aber Anders hat einen sehr soliden technischen Background, eine vorzügliche Kompositionstechnik und ist trotzdem frei. Das ist selten. Wir jungen finnischen Komponisten fanden ihn interessant, weil er pingelig mit dem Handwerk war und diese Freiheit besaß, die uns fehlte. Wir waren neidisch auf ihn.“

Manche Abschnitte in „Eleven Gates“ dauern nicht einmal eine Minute

„Eleven Gates“ besteht aus elf Abschnitten, die Sätze zu nennen sich verbietet – manche dauern nicht einmal eine Minute. Einige gehen unmerklich ineinander über, andere folgen mit hörbarem Kontrast aufeinander. Das Werk ist insofern typisch für Hillborg, den ansonsten zuverlässig Unberechenbaren, als darin vermeintlich Unvereinbares mit scheinbar leichter Hand bezwingend zusammengeführt ist – Profanes und Tiefgründiges, schneidende Trompeten neben Streichquartett-Innigkeit, massive Klangschichtungen neben filigransten Stimmgebilden, Spott neben Magie.

Und es zeigt Hillborgs im doppelten Sinne diebische Freude daran, im Bernstein seiner Musik manche ehrwürdige Fliege der Musikgeschichte in seltsamer Gestalt zu konservieren. So gibt es etwa im Abschnitt „Confused Dialogues With Woodpecker“ eine Passage, die ein Fragment von Anton Webern mit einer ins stotternde Kontrafagott gelegten Melodie aus einem schwedischen Donald-Duck-Film le-giert. Und das „D Major Still Life“ ist eine ebenso freche wie grandiose Mini-Hommage an einen Akkord aus dem „Sgt. Peppers“-Album der Beatles. So disparat sich das liest, so toll, ja organisch, fügt es sich als Musik zusammen.

Hillborg, in Skandinavien ein echter Star, ist derzeit Composer in Residence bei NDR „das neue werk“. Er genießt die „absolute Furchtlosigkeit“, mit der Esa-Pekka Salonen auch haarsträubend dichte Stücke von ihm wie „Clang & Fury“ entziffert. So sanft beide aussehen, so gern raufen sie mit den kaum zähmbaren Mächten des Orchesterklangs. Beste bad boys eben.

NDR Sinfonieorchester mit Esa-Pekka Salonen Do, 15.10., 20.00, und So 18.10., 11.00, LaeiszhalleTickets zu 11,- bis 51,- unter T. 35 76 66 66