Hamburg

Der Menschenforscher

Der amerikanische Bestseller-Autor Jonathan Franzen stellt seinen neuen Roman „Unschuld“ im ausverkauften Thalia Theater vor

Hamburg. Enttäuschte Gesichter an der Abendkasse. Ausverkauft? Und da ist wirklich nichts zu machen?

Die beiden hübschen Studentinnen verlassen unverrichteter Dinge das Foyer.

Nein, in diesem Fall war nichts zu machen, schöne Frauen hin oder her. Jonathan Franzen, Senkrechtstarter der amerikanischen Literaturszene, stellte in Hamburg – auf Einladung von Literaturhaus und NDR Kultur – seinen neuen Roman „Unschuld“ im Thalia Theater vor. Die Karten waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Glücklich, wer dabei sein durfte, als Franzen 90 Minuten lang aufs Schönste seine Entertainer-Qualitäten beweisen konnte. Dass dieser Mann nicht nur hinter einen Schreibtisch gehört, sondern hin und wieder auf eine Bühne – daran gab es nach der von „FAZ“-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg souverän moderierten Lesung keinerlei Zweifel.

Er kommt auf die Bühne geschlendert, als sei er auf dem Weg ins Büro. Die Aktentasche baumelt in der linken Hand, der modische Dreiklang Jackett-Jeans-Nerdbrille ist maximal unauffällig. Dieses Spiel mit dem Star-Image ist natürlich Teil der großen Jonathan-Franzen-Show. Viele Millionen Mal haben sich seine Romane „Die Korrekturen“ und „Freiheit“ verkauft. Auch „Unschuld“ (Rowohlt Verlag) steht längst auf allen Bestsellerlisten. Franzen wird nicht einfach nur gelesen, Franzen hat Fans. Viele seiner Anhänger sind an diesem Abend ins Thalia gepilgert. Sie werden am Ende des Abends geduldig in der langen Schlange stehen, die vom Foyer bis zur Garderobe reicht, um sich eine Autoren-Widmung ins Buch kritzeln zu lassen.

Ein paar Dehnübungen der steifen Schriftsteller-Glieder, und die Lesung kann beginnen. „Ihr seid meine Versuchskaninchen“, sagt Franzen mit breitem Grinsen. Zum ersten Mal übernimmt er bei einer Lesung selbst den deutschen Part, „obwohl ich seit zwei Jahren kein Wort Deutsch gesprochen habe“. Mit diesem Mut zum Unperfekten fährt er natürlich gleich dicke Sympathie-Pluspunkte ein. Flüssig, unterbrochen von hübschen kleinen Stolper-Aussetzern, liest Franzen die ersten Romanseiten. Sie gehören der 23 Jahre alten Heldin Purity Tyler, genannt Pip, die ihrer deprimierenden Situation aus College-Schulden plus doofem Job zu entfliehen versucht. Geplagt ist sie zusätzlich mit einer hochneurotischen Mutter. „Alpen-Traum-Mutter“, wird sie von Franzen getauft.

Dass dieser Mann nicht umsonst einer der einflussreichsten Schriftsteller der Gegenwart ist, beweist er bei diesem Auftritt gleich mehrfach. Immer wieder wirft er funkelnde Sätze in den Raum. Oft sind sie subtil-komisch. „Kein Telefonat war komplett, bevor sie einander nicht unglücklich gemacht hatten“, heißt ein solcher Satz. Franzen interessiert sich nicht für simple Beziehungsgeflechte. Seine Figuren stecken fest in verzwickten Liebesaffären, Familienpaarungen. Sie straucheln und kämpfen und vertuschen notdürftig ihre jeweiligen Defekte. Einfach ist in Franzens Geschichten gar nichts. Logisch und eingängig liest es sich nur für den Leser.

Franzen treibt seine Figuren so geschickt durch die Handlung, dass ihre Schicksale geradezu zwingend wirken. Ob er seine Macht als Autor genieße, will Moderatorin von Lovenberg von ihm wissen? „Wer denkt, Freiheit ist, tun zu können, was immer man will, der hat noch nie einen Roman geschrieben“, entgegnet Franzen. Und hat die Lacher damit wieder auf seiner Seite. Selbstironie und die Dekonstruktion des Genietums scheinen in seinem Fall auch ein Mittel zu sein, um bei allen Erfolgsrekorden auf dem Boden zu bleiben.

Ob die Figuren nach dem Schreiben noch lange in seinem Kopf bleiben, möchte eine junge Frau im Publikum wissen. Vertreter sämtlicher Kunstsparten reden nach einer solchen Frage gerne ausführlich darüber, wie eine Rolle/Figur/Begegnung ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt habe. Franzen antwortet: „Es ist seltsam, wie wenig mich meine Figuren interessieren, nachdem ich einen Roman vollendet habe. Sobald ich fertig geschrieben habe, ist für mich Schluss.“ Überhaupt wehrt sich der 56 Jahre alte Autor gegen jede Glorifizierung des Schriftstellerdaseins. Den Leser belehren zu wollen, kommt für ihn nicht in Frage. „Ich zeige nicht, ich forsche“, lautet sein Kommentar dazu. Wer Anweisungen zum Besserleben sucht, sollte die Finger vom Werk des großen Menschenforschers Franzen lassen und sich im Ratgeberregal umtun.

Franzen hat sich im Lauf seiner Karriere auch als pointierter Zeitdiagnostiker einen Namen gemacht. Auch jetzt liefert er grundlegende Gedanken über die Zeit und ihren Geist: Es sei die Pflicht von Autoren, dem Internet und seinen Heils-Versprechungen gegenüber skeptisch zu sein, behauptet er. Oder auch: Die gegenwärtigen US-Serien, nach denen sich gerade alle die Finger lecken, seien keine Konkurrenz zum Gesellschaftsroman. Sondern vielmehr eine Ergänzung, ein Subgenre. „Die neuen Serien sind so gut, dass sie mit der Literatur locker mithalten können“, so Franzen. Seine eigene Fernsehserie übrigens, die vom Sender HBO mit großem Pomp angekündigte und längst abgedrehte Verfilmung der „Korrekturen“, liegt seit einiger Zeit im Sender-Giftschrank. Fraglich, ob sie dort je wieder rauskommt.

Er habe als „Angry Young Man“ mit dem Schreiben begonnen, zitiert Moderatorin von Lovenberg eine Äußerung Franzens. Wie er sich heute sehe, möchte sie wissen. Immer noch als zorniger Mann? Als Optimist? Pessimist? Realist? Franzen überlegt kurz. „In meinem Privatleben bin ich immer noch zornig, weil es soviel Dummheit in der Welt gibt“, antwortet er schließlich. „Aber für ‘Unschuld’ gilt: Dies ist mein erstes zornfreies Buch.“