Kultur

Mut, Magie und ein Schelm

| Lesedauer: 5 Minuten

Im Hansa Varieté Theater wurde die neue Saison eröffnet: Artisten, Geschicklichkeitskünstler, Zauberer und leise Poeten bestreiten im Original-50er-Jahre-Ambiente des Hauses einen schönen, unterhaltsamen Abend

S

ie riskieren jeden Abend ihren Hals oder wenigstens eine Blamage, und sie sehen dabei stets blendend aus: Eine Riege weltweit tourender Artisten, Geschicklichkeitskünstler, Zauberer und Poeten hält wieder Einzug ins Hansa-Theater. Die Saison wurde mit einer neuen Show eröffnet, und das Haus, das seine eindrucksvolle 120-jährige Varieté-Geschichte in eine Diashow packte und dessen Inneneinrichtung allein schon denkmalwürdig ist, kann seinen Charme wieder entfalten. Dieser Charme stammt aus den 50er-Jahren, als man zu Hause üppig geraffte Gardinen liebte und die Gäste im Theater noch persönlich aufs Herzlichste begrüßt wurden.

Bis heute ist das alles so geblieben, und ein Abend im Hansa-Theater hat deshalb etwas unwiderstehlich Einnehmendes, erst recht, wenn auch bei dieser Spielzeiteröffnung die Hausherren Thomas Collien und Ulrich Waller in „Phantom der Oper“-Verkleidung die ersten von vielen guten Gags bringen.

Die Hansa-Boys servieren gepfefferten Swing und alles, was so an Begleitmusik gebraucht wird. Sechs Conférenciers würzen den Premierenabend, gleich ein halbes Dutzend Kabarettisten und Comedians wurde Donnersta aufgeboten. Georg Schramm machte sich mit einem goldigen „Was Sie als Hanseaten an Charme nicht haben, machen Sie mit Geld wieder wett“ neue Freunde. Rolf Claussen referierte über den Klassiker „Alster­spaziergang“. Matthias Brodowy plädierte für „gehobenen Blödsinn“ im Alltag. Je später der Abend, desto illustrer der Spezialstargast: Nach der Pause ergänzte Vicky Leandros das Bühnenprogamm.

Als Erstes aber hat man ganz kurz das Gefühl, man sei in einem der Tabledance-Schuppen gelandet. Der blonde Männertraum Anna de Carvalho, Arme wie ein Ringer, tritt im Glitzerbikini auf und nimmt die Stange wie ihre Kollegen das Trapez. Sie dreht sich über Kopf, hält sich dabei nur in der Hüftbeuge fest, und das Ganze elegant, graziös und sexy.

Es folgt „Sacha The Frog“, ein kleiner Mann mit Piet-Mondrian-Socken, der nichts als einen Tisch und seinen Körper braucht, um sein Publikum so zu verblüffen, dass die Leute vor Schreck mit dem Klatschen aufhören. Der Gummimensch The Frog kann seine Beine verknoten, sie im überdehnten Spagat gestreckt hinter die Ohren klappen – das alles noch mit ständig wechselndem Clownsgesicht, das sich für nichts zu blöd und deshalb großartig ist. Grog ist in diesem Theater schon aufgetreten, die Latte liegt also hoch. Das wissen alle, und das ist kein Problem.

Spätestens hier ist klar, dass man es in dieser Show mit Könnern zu tun hat, die ehrliches Handwerk mit Präzision und Schnelligkeit verbinden und außerdem Entertainerqualitäten haben. Ein Mann, der das alles mitbringt, ist ein Illusionist: Omar Pasha lässt mittels Tüchern und weiteren Requisiten Dinge und Menschen auftauchen und verschwinden. Gegen Ende tanzt ein Gespenst, dann zaubert Pasha sich selber weg.

An Jonglagen sind Fernsehzuschauer längst gewöhnt, aber der Schweizer Claudius Specht setzt auf das Bekannte peu à peu einen drauf. Immer mehr Kegel lässt er durch die Luft fliegen, nacheinander, dann paarweise, dann fünf Kegel – und die im Knien aufgefangen. Anschließend fängt er mit lauter kegelförmigen Bechern an zu scheppern, immer mehr fliegen in die Luft und ineinander. Schwitzen stellt sich ein, als der tanzfreudige Specht mit fünf Kegeln anfängt und dann auf sieben steigert, hinterm Rücken und unterm Knie hindurch, bis zum Salto rückwärts aus dem Stand. Bravo!

Nur mit seinen Händen und einer Lampe erschafft danach der Handschattenspieler Hans Davis erst lauter kläffende Hunde, dann zwei Charakterköpfe und danach einen ganzen Zoo auf der Leinwand. Diese Nummer wäre mit etwas weniger brachialer akustischer Untermalung vielleicht noch schöner, als sie ohnehin schon ist.

Auf ihn folgt David Weiser, in Cowboykluft, und zeigt, dass Seilchenspringen nix ist gegen das, was er mit seinem Lasso macht. Nach Weiser betreten zwei Menschen ein rundes Podest, die nicht am Leben zu hängen scheinen, obwohl sie ständig lächeln. Das italienische Duo M.G. fährt auf Rollschuhen rasend schnell im Kreis herum und tanzt dabei halsbrecherische Figuren und Pirouetten, dass den Zuschauern der Atem stockt. Wie lange es wohl täglich dafür trainieren muss, damit bitte nie, nie etwas passiert?

Der Abschluss fällt aus dem Rahmen und ist deshalb umso schöner: Alex & Barti, der gebeutelte Marionettenspieler und seine freche Puppe, die schon mal einen Popel an seiner Hose abwischt und sowieso ständig das Verhältnis zwischen „Herr und Knecht“ zu seinen Gunsten entscheidet. Dieser Barti ist nur ungefähr 40 Zentimeter hoch. Aber wenn er zu Frank Sinatras Lied einer Dame im Zuschauerraum seine weiche Stoffhand auf den Arm legt, dann passiert etwas (Be-)Rührendes. Ist zwar „nur“ Theater, nur Spiel. Aber auch echte Poesie.

Hansa Varieté Theater, Steindamm 17, (U/S Hbf.) Shows bis 28.2.16, Karten: 31,90 bis 77,80 Euro. Telefon: 040/30 30 98 98.

( eng, jomi )