Hamburgische Staatsoper

Nagano und seine Musiker können auch die Mühen der Ebene

Kent Nagano

Kent Nagano

Foto: Christian Charisius / dpa

Wer gedacht hatte, Hamburgs Opern-Aficionados dürsteten nach zehn Jahren Young danach, den Neuen zu erleben, sahen sich getäuscht.

Hamburg.  Die „Elektra“-Inszenierung von August Everding gehört zu den dienstältesten im Repertoire der Hamburgischen Staatsoper. Gleich 1973, im Jahr seines Amtsantritts als ihr Intendant, zeigte der (Musik-)Theatermaniac seine düstre Sicht auf das düstre Antiken-Trauerspiel von Richard Strauss nach dem Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal. 105 Minuten Schummerlicht, einmal kurz erhellt von unheilschwangerem Fackelschein, eine poröse, turmhohe Burg, zottige Kostüme (Bühne und Kostüme: Andreas Majewski) und eine überwiegend schlüssige Personenführung. Die 42 Jahre Lebenszeit sind an der Inszenierung nicht spurlos vorübergegangen. Wenn der rechte Flügel des Burgtors zugeht, wackelt es heftig in dem schütteren Pappbau, was unfreiwillig der Belustigung des Publikums dient – freilich der einzigen des Abends.

Wer gedacht hatte, Hamburgs Opern-Aficionados dürsteten nach zehn Jahren Simone Young danach zu erleben, wie der Neue sich im Graben macht, und würden in Scharen zu seiner ersten Repertoire-Vorstellung nach den „Troyens“ rennen, sah sich getäuscht. Die Zuschauerreihen waren am Sonnabend durchaus überschaubar gefüllt, als Kent Nagano Strauss’ Einakter dirigierte.

Bei aller Wucht und Schwere des Orchestersatzes, bei allem Drama in den Gesangspartien ist die „Elektra“ doch so etwas wie die Tragödie als Kammerspiel; das Personal ist überschaubar, kein Chor verlangt vom ­Dirigenten Aufmerksamkeit, bei den Duetten lassen die Herrschaften einander aussingen. Die Musiker bewältigten unter Naganos feinfühliger, Abgründe auslotender Leitung die dem Tragischen des Sujets entsprechend dunkel gefärbte Musik bravourös. Die berühmte Szene des Erkennens zwischen Orest und Elektra, bei der das Orchester alle Last der emotionalen Erzählung trägt, weil die beiden Geschwister stumm bleiben und sich nur sehr langsam, wie im Traum, aufeinander zubewegen, war so stark, dass sie Strauss’ Diktum, die Szene sei nur mit Musik ganz zu erschöpfen, vollauf bestätigte.

Linda Watson, die als Elektra an den besten Häusern gastiert, hielt in der Titelpartie die Balance aus Exaltiertheit und fließendem Melos. Sie bot hochheiligen Zorn, Sarkasmus, Tücke – grundiert auf einer tiefen seelischen Verletzung. Watson hatte bis zum Schlusston Schmelz in ihrem kraftvollen, sehr geforderten Sopran. Ricarda Merbeth stand ihr als Chrysothemis an Power und Geschmeidigkeit nicht nach. „Ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal“, singt die von Rachegelüsten freie Schwester der Elektra. Sie will nur weg von der Mutter Klytämnestra, die den Vater Agamenon mithilfe ihres Liebhabers ermordet hat, will raus ins Leben und Kinder haben und verweigert sich dem Ansinnen Elektras, gemeinsam die Mörder im Haus zur Strecke zu bringen. Der totgeglaubte Bruder Orest, den Wilhelm Schwinghammer mit seinem wundervollen Bass auf die Bühne brachte, erledigt die Bluttat. Mihoko Fujimura, warm und elegant singend, war eine schön melodramatische Klytämnestra. Was zu beweisen war, bewies Nagano mit den Philharmonikern: Er kann auch die Mühen der Ebene.

Nächste Vorstellungen: 7., 10., 15. Oktober, jeweils 19.30 Uhr, Kartentelefon 35 68 68