Hamburg

Der Arabische Frühling und die Folgen

Der Choreograf Hafiz Dhaou kommt mit zwei Tanzstücken zum Festival auf Kampnagel

Hamburg. Der Draht von Hamburg nach Tunis steht. Am Ende der Telefonleitung ist der Choreograf Hafiz Dhaou. Gemeinsam mit seiner Co-Choreografin Aïcha M’Barek reist er diese Woche zum Festival „We Don’t Contemporary“ auf Kampnagel. Das Duo zeigt mit „VU“ und „Sacré Printemps“ nicht nur zwei Tanz-Performances seiner Kompanie Chatha, sondern hat das Festival auch mitkuratiert.

Obwohl sie bereits 2002 ihre Heimat Tunesien mit einem Stipendium Richtung Frankreich verlassen haben und inzwischen in Lyon arbeiten, werden sie vielfach als „arabische“ oder „afrikanische“ Künstler eingeladen. Kategorien, mit denen Dhaou nicht viel anfangen kann. „Das ist der Versuch, eine Barriere aufzubauen, aber es ist das Problem der anderen, nicht unseres.“ Denn auch wenn sie jedes Jahr einmal in Tunis arbeiten, ist die Kunst der beiden seit Langem vom europäischen Kontext beeinflusst. Abgesehen davon ist Afrika ja kein Land, sondern ein Kontinent mit äußerst diversen künstlerischen Ausprägungen.

Die Choreografen thematisieren den Arabischen Frühling über den Körper

Dhaou und M’Barek verstehen ihre Kunst als politisch. Unter der langjährig regierenden Einheitspartei war künstlerisches Arbeiten in Tunesien für die beiden Absolventen des Konservatoriums nur eingeschränkt möglich. „Wir haben eine spezielle Körpersprache entwickelt, um die Zensur zu umgehen“, erzählt Dhaou. „Seit wir in Frankreich leben, betrachten wir unser Land von außen. Das gibt uns die Chance, herauszufinden, was wir erhoffen.“ Dhaou hat den Traum von einer Utopie der Freiheit und einer Gesellschaft des Ausgleichs. Der Körper hat für ihn immer auch eine Macht.

Seit dem Arabischen Frühling 2011 befindet sich das Land im schwierigen Übergang in eine demokratische Zivilgesellschaft. Die Folgen der Revolution thematisiert das Duo in „Sacré Printemps“, dessen Titel an das Frühlingsopfer Strawinskys erinnert, sich aber auch mit „verdammter Frühling“ übersetzen lässt. Sechs Tänzerinnen und Tänzer treten mit 32 Pappfiguren auf, die an Opfer der Demonstrationen erinnern. „Es geht uns um den Zustand des fortdauernden Schocks und wie die Politik uns zwingt, Barrieren zu errichten. Wir müssen eine Identität finden, bislang hat Tunesien hier den Dialog und den Kompromiss gewählt, nicht den Krieg wie Libyen und Syrien“, sagt Dhaou. „Wir suchen ein Gleichgewicht zwischen dem Körper, seiner Energie, seiner Beziehung zu anderen.“

Das Publikum ist für M’Barek/Dhaou stets wichtiger Teil des Prozesses, Partner und Verbündeter zugleich. Die Tänzerinnen und Tänzer ihrer Tanz-Performance „Vu“ bewegen sich durchs Foyer, mischen sich unter die Zuschauer und verhandeln dabei Strenge und Fragilität. Vernetzung ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Am 26. September lädt das Duo zu einer Konferenz zum Status von Künstlern in der arabischen Welt mit der Frage, wer eigentlich die Deutungshoheit über zeitgenössische Kunst hierzulande und anderswo innehat.

Aïcha M’Barek & Hafiz Dhaou: „Vu“ 24.9., 19.30, Eintritt frei, „Sacré Printemps“ 25./26.9., jew. 21.00, 27.9., 20.30, Karten 18 Euro/erm. 10 Euro unter T. 27 09 49 49, Konferenz 26.9., 15.00 bis 18.00, Eintritt frei;, Kampnagel, Jarrestr. 20–24; www.kampnagel.de