Hamburg

Beethoven und das Hohelied der Freiheit

Zur Saisoneröffnung spielt die Hamburger Camerataein klingendes Manifest

Hamburg.  Niemand kann in die Zukunft sehen, auch Simon Gaudenz nicht. Aber wie passgenau der Chefdirigent der Hamburger Camerata das Programm der Saisoneröffnung, mutmaßlich schon vor einigen Monaten, auf die aktuelle politische Situation zugeschnitten hat, das erinnert schon fast an Hellseherei. „Egmont“ war das Konzert in der Laeiszhalle überschrieben und dazu, kleiner, aber in Großbuchstaben, „Freiheit“.

Der eigentliche „Egmont“ ist ein Trauerspiel von Goethe. Weit berühmter aber ist die Musik, die Beethoven dazu ersonnen hat, und ganz besonders natürlich die Ouvertüre, so gleißend und himmelstürmend, als wollte der Komponist sein gesamtes Freiheitspathos in diese paar Minuten gießen.

In der Laeiszhalle erklang der „Egmont“ in einer Konzertfassung von 1830, für die Friedrich Mosengeil Goethes Schauspiel zu Deklamationstexten verdichtet hatte. Also fast kein Goethe, bisschen Mosengeil (in einer Überarbeitung von Franz Grillparzer) und ganz viel Beethoven. Mit dem Schauspieler Philipp Hochmair als Erzähler und der jungen Sopranistin Pia Salome Bohnert entfesselten Gaudenz und die Seinen ein wahres Minidrama auf der Konzertbühne. Einziges Requisit: ein Degen, den Hochmair erst in die Höhe hielt und dann zu Boden fallen ließ. Ansonsten reichte das Um- und Miteinander von Wort und Musik, um die Hörer auf die Stuhlkante zu bannen. Hochmairs mal schnodderig-nüchterne, mal trotzige Sätze, Bohnerts liedhaft-innige Arien – und der raue, wilde, mitunter auch archaische Klang des Orchesters mit seinen Revolutionsfarben in Piccoloflöte und Hörnern und den bedrohlich schnurgerade spielenden Streichern. Der da durch die Töne sprach, der machte keine Gefangenen.

Das war übrigens auch schon in der ersten Konzerthälfte bei Beethovens Vierter klar. Was für eine Entschlossenheit, was für Kontraste! Da knurrte die Pauke mit Holzschlegeln und klatschten die Kontrabasssaiten. Hin und wieder hätte Gaudenz die straff gehaltenen Zügel ruhig etwas lockern können. Aber dieser Beethoven hatte eine beeindruckende Gestalt. Großer Jubel.

Übrigens auch von den Flüchtlingen, die die Veranstalter zu dem Konzert eingeladen hatten. Das mit der Freiheit, das habe er genau gehört, sagte der Syrer Mohamad Obada hinterher beim Empfang. Auch wenn dies sein erstes Konzert mit westlich klassischer Musik gewesen sei.