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Roger Cicero als Frank Sinatra

Die Showim Mehr! Theater überzeugte erst in der zweiten Hälfte – dank der zwei tollen Stargäste

amburg. H Es macht schon Spaß, einen alten Bühnenprofi wie Roger ­Cicero noch aufgeregt zu erleben. Aber seine beiden Auftritte am Montag und Dienstag im ausverkauften Mehr! Theater am Großmarkt sind eben mehr als Konzerte. „Roger Cicero sings Sinatra“ widmet sich zum 100. Geburtstag von „The Voice“ der wohl größten Entertainer-Legende der Showgeschichte. Frank Sinatra, schon zu Lebzeiten überlebensgroß, seit seinem Tod 1998 unerreicht. Obwohl: Harald Juhnke war auch ein Großer, oder?

Beim ersten Abend am Montag erläutert Cicero vor Beginn eine Viertelstunde lang das Konzept und den Ablauf. Konzert, CD- und DVD-Aufnahme, Aufzeichnung für eine TV-Show im NDR: Viel steht auf dem Spiel in dem für die Kameras dauerhaft hell erleuchteten Saal. Von der Lässigkeit, die Frank „Ol’ Blue Eyes“ Sinatra 1966 im Sands Hotel in Las Vegas mit seinen Songs aus dem Ärmel schüttelte wie Asse, ist bei Cicero und seiner 13 Mann starken Bigband unter der Leitung von Uwe Granitza anfangs keine Spur.

Bläser, Gitarrist, Bassmann, Schlagzeuger, Cicero, sie versuchen in der ersten Hälfte des mit Pause dreistündigen Abends nicht gut zu spielen, sondern korrekt. Ambitionierte Arrangements, Neuinterpretationen tausendfach gehörter Klassiker, Nervosität. Der Sound klirrt wie Eis im Bourbon-Glas. Da fehlt noch der Schwung bei „Come Fly With Me“ und „I’ve Got You Under My Skin“. Wo ist der Pomp? Der Gala-Swing? Die Bläserfanfaren, die Haare wehen lassen? Nicht auf der Bühne vor 2500 Zuschauern, die tapfer Musikern applaudieren, denen fast der Kopf auf die Brust sackt.

Auch Cicero scheint kurz eingenickt zu sein. Er vergisst, seinen ersten Gaststar Yvonne Catterfeld anzusagen. Stopp. Zurück. Das Ganze noch mal. Aber Cicero hätte, guter Gastgeber hin oder her, Yvonne Catterfeld gern vergessen dürfen. Die Duette „Cheek To Cheek“ und „Something Stupid“ versprühen nicht den Hauch persönlicher und gesanglicher Harmonie, kein Funkensprühen, kein Augenzwinkern.

Aber „The Best Is Yet To Come“, singt Cicero alleine weiter, und er wird Recht behalten. Und auch Frank Sinatra hat ja nicht immer perfekt abgeliefert. Auf seiner Tournee 1993 war seine Stimme längst nicht mehr auf alter Höhe, er vergaß Texte, kippte bei einem Auftritt in Richmond sogar um. Aber es war immer noch Frank Sinatra, das sahen auch die Fans bei seinem einzigen Hamburger Konzert im selben Jahr im Derby Park Klein Flottbek so. Nach nahezu jedem zweiten Song feierten 13.000 Frankyboy mit Standing Ovations, obwohl er ihnen fast 400 mafiöse D-Mark pro Karte abgeknüpft hatte, der Schlingel.

Das Beste kommt in der zweiten Halbzeit. Die Band ist nicht warm, sie ist heiß, als sie aus der Kabine kommt für „Let’s Face The Music And Dance“. Jetzt ist der Swing da, und der bekommt noch mehr Schwung, als Sasha auf die Bühne tänzelt. Wow. „Fly Me To The Moon“ zeigt: Roger und Sasha haben vor 25 Jahren das erste Mal gemeinsam zusammen in einer Bar gesungen. Und einer der beiden hat seitdem ein Glas mehr gehoben, ist zum Entertainer, zur Rampensau, zum Swingboy geworden. Es ist Sasha, und er stiehlt Roger auch bei seinem zweiten Song „Luck Be A Lady“ geradezu die Show mit seinem Volumen, seinem Groove, seinem Hüftschwung. Vegas, Baby! Fast Schade, dass er die Show nicht komplett übernimmt, sondern Cicero die Bühne wieder für „Where Or When“, „I Wish You Love“ und „Angel Eyes“ überlässt. Aber auch er hat die Leinen losgeworfen, er muss jetzt alles geben. Da kommt ja noch ein weiterer Gaststar.

Und der besitzt, wenn er gerade kein Blech redet, eine der besten Stimmen im deutschen Showgeschäft: ­Xavier Naidoo. Es hat etwas von Urgewalt, wenn er „New York, New York“ die pompöse Wucht verleiht, den die großartigste Stadt der Welt – sorry, Hamburg – verdient. Die Zuschauer werden endlich aus den Sitzen gehebelt. Das in den Soul schwenkende Finale des Songs ist purer Flitter, der nur noch aufgefegt werden muss. Das besorgen alle zusammen: Roger Cicero und Band, Sasha, Xavier Naidoo und Yvonne Catterfeld. Das Rat Pack und das Mäuschen. Nach noch ausbaufähiger erster und gelungener zweiter Hälfte darf Cicero wohlverdient mit „My Way“ abtreten: „And now, the end is ­near, and so I face the final curtain.“ Das Ende naht, und die Vorhänge fallen nicht, sie werden an den Getränkeständen wieder hochgezogen. Absacken.

Vor drei Jahren tourten Sasha, Xavier Naidoo und Rea Garvey mit der „Alive & Swingin“-Show, und vielleicht geben die Abende im Mehr! Theater Schwung für eine entsprechende gemeinsame Swing-Tour von Roger, Sasha und Xavier. Vegas, Baby! „The Best Is Yet To Come“.

„Roger Cicero sings Sinatra“ Die beiden Shows im Mehr! Theater am Großmarkt wurden aufgezeichnet und erscheinen voraussichtlich im November auf CD, DVD und im NDR Fernsehen