„Verschwörung“

Wie liest sich der neue Stieg Larsson (der keiner ist)?

| Lesedauer: 3 Minuten
Joachim Mischke
David Lagercrantz stell die Fortsetzung der „Millenium“-Trilogie vor

David Lagercrantz stell die Fortsetzung der „Millenium“-Trilogie vor

Foto: Henrik Montgomery/Tt / dpa

Gut 608 Seiten hat Fortsetzung der „Millenium“-Trilogie. David Lagercrantz spinnt eine solide Geschichte um Reporter Mikael Blomkvist.

Verständnisprobleme bei den gängigsten Singularitätstheorien, Primzahlen-Tranchiermethoden und dem Forschungsstand bei künstlicher Intelligenz sollten Leser von David Lagercrantz’ „Verschwörung“ lieber nicht verspüren. Denn dann wird es echt hart, bereits am Anfang, in der Mitte und immer wieder bis ans Ende dieser Fortsetzung der „Millennium“-Trilogie von Stieg Larsson, die gestern als posthume Weiterdrehe in enormen Mengen auf den Welt-Buchmarkt geworfen wurde.

Alle anderen können sich über das Wiederlesen auf 608 Seiten freuen: Mikael Blomkvist, der brummbärig-liebenswürdige Enthüllungsjournalist aus Stockholm, ist zurück, und mit ihm die beinharte Punk-Hackerin Lisbeth Salander, vor der kein Rechner sicher ist, und sei er noch so regierungsgeheim. Beide sprechen zwar erst direkt miteinander, wenn die Handlungsfäden dicht verwoben sind. Doch bis es soweit sein darf, entwickelt Lagercrantz aus den von Stieg Larssons Erben freigegebenen Erfolgs-Zutaten eine Geschichte, die sehr solide konstruiert ist und sich geschickt an die Spielregeln der Vorgänger-Romane hält.

Diesmal, einige Zeit ist seit dem Finale des Originals vergangen, geht es nicht um dunkle Machenschaften unter der scheinidyllischen Oberfläche der schwedischen Gesellschaft, diesmal geht es vor allem darum, wer das entscheidende Bisschen klüger ist als alle anderen. Ein Spezialist für künstliche Intelligenz wird umgebracht, sein kleiner Sohn August ist Zeuge.

Doch der Junge ist kein Zeuge, den man einfach befragen könnte, wer seinem Vater die beiden Kugeln in den Kopf gejagt hat, er ist ein „Savant“, ein schweigsames Kerlchen mit autistischen Zügen, vor allem aber gleich zwei Inselbegabungen: August kann außergewöhnlich gut rechnen und zeichnen. Auf die Forschungsergebnisse ist nicht nur ein Technologie-Konzern scharf, sondern auch die kaum weniger zimperliche Konkurrenz von der NSA, und, damit es knifflig wird, eine Truppe Russen, die jede Menge Geschäfte betreiben, bei denen man keine Quittungen fürs Finanzamt ausstellt.

Blomkvist wiederum steht bei dieser Story, die sich in wenigen Tagen zu einem internationalen Coup entwickelt, unter verschärftem Erfolgsdruck, weil sein wackeres Polit-Magazin „Millennium“ als Print-Auslaufmodell von einem geldgierigen Medien-Giganten in die Beliebigkeit gespart werden soll. Als der erste Informant sich meldet, nimmt die Sache Fahrt auf.

Im Gegensatz zu Larssons leicht unbeholfener Erzählweise ist Folge vier der Trilogie schnittiger erzählt, konventioneller und über weite Strecken so gut verdübelt, dass es beim Lesen nicht unangenehm auffällt. Lagercrantz’ Text funktioniert besonders auf jener Erzählebene, die nach Verfilmung schreit und natürlich auch nach Fortsetzung.

Eine raffiniert eingefädelte Familienzusammenführung ebnet den Weg: Lisbeth Salanders Zwillingsschwester Camilla, bislang dramaturgische Randbebauung, betritt die Bühne, als ebenso bildhübsches wie bösartiges Gegenstück und Oberhaupt einer Schurkenorganisation. Für Larsson-Gourmets ein Fest, denn Spekulationen über mehr von ihr tauchten schon vor Jahren auf, die hat wohl auch Lagercrantz gelesen. Addiert man dann, dass Larsson seine „Millennium“-Saga angeblich auf zehn Teile ausbreiten wollte, wäre noch viel Platz für weitere Duelle der sehr ungleichen Zwillinge.