3sat-Serie

Unterwegs in der deutschen Provinz mit Wladimir Kaminer

Hoch auf dem roten Traktor: Wladimir Kaminer und GraffitiKünstler
Stefan Strumbel kommen im Schwarzwald gemächlich auf Touren

Foto: ZDF / Christian A. Roeder

Hoch auf dem roten Traktor: Wladimir Kaminer und GraffitiKünstler Stefan Strumbel kommen im Schwarzwald gemächlich auf Touren Foto: ZDF / Christian A. Roeder

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer reist in der fünfteiligen 3sat-Serie „Kulturlandschaften“ durch die Lande.

Der Reporter mutmaßt, dass die harten Männer mit den weichen Dialektallauten leicht über ihre lange Haarpracht stolpern könnten. Aber sonst ist Wladimir Kaminer von Chris und von Pascal sehr angetan: Seine Gesprächspartner haben einen kolossalen Sinn für Düsterromantik, rennen nachts in dunkle Wälder und trinken schon mittags Bier. Black Metal im Black Forest!

Kaminer, der deutsche Starautor („Russendisko“) aus Berlin, ist auf der Suche nach deutschen Kulturlandschaften. Und zwar abseits Berlins. Und zwar im Auftrag von 3sat. Das klingt vielversprechend, weil sich so ein öffentlich-rechtlich bezahlter Roadtrip nach ganz weit draußen ja gar keine Grenzen setzen muss – also fährt Kaminer für „Kulturlandschaften“ da hin, wo sonst kaum einer hinfährt. In den Schwarzwald also, nach Wuppertal, ins Saarland, nach Mecklenburg-Vorpommern und in die Eifel.

Gut, das ist jetzt übertrieben, wir sind hier ja nicht in Frankreich, sondern im föderalismusseligen Deutschland. Und Kaminer, der Vielgelesene (dreieinhalb Millionen verkaufte Bücher!), hat auf seinen Tourneen durch die Buchhandlungen und Literaturhäuser der Republik auch schon etliche imaginäre Bonusmeilen gesammelt. Trotzdem gilt BerlinHamburgMünchenKöln oft als das, was es nicht ist – der einzige Kristallisationspunkt deutscher Kultur.

Künstler und Kreative sind künstlerisch und kreativ auch in der Provinz, durch die der polyglotte, in Moskau geborene Kaminer nun fünf Tage am Stück im Abendprogramm des Kultursenders reist – mehr Regionallobbyismus geht eigentlich nicht.

Und er macht es gut, der Kaminer. Trifft den Graffiti-Künstler Stefan Strumbel, der im Schwarzwald-Ort Goldscheuer eine Dorfkirche gegen alle Widerstände mit Streetart aufgepeppt hat, und spricht mit ihm über Heimat. Lauscht mit der Klangkünstlerin Frauke Eckhart dem Wasser der Saar hinterher. Geht in Hillesheim mit Ralf Kramp die Tatorte der Eifel-Krimis ab, und in Rostock fährt er auf der Warnow mit den Punkrockbuben von „Feine Sahne Fischfilet“ Boot. Was nach allerreinstem Proporz in Kunstgattung und Reiseroute aussieht, ist auch genau das – es ist nicht zum Schaden der gesamten Reihe, die ein Muster an kurzatmigem Ort-Hüpfen ist. So wird es halt nie langweilig.

Jede Folge dauert nur knapp eine halbe Stunde, und den steten Wechsel der Drehorte hält die magische Kraft aus dem Off zusammen, der Erzähler Kaminer mit seinem charakteristischen russischen Akzent nämlich. Die Person, die er mit seinen Einleitungen („Ich will den Deutschen über die Kultur auf die Schliche kommen ...“) anspricht, ist übrigens nicht der Zuschauer, sondern seine Frau. Weshalb die „liebe Olga“ also immer mit anwesend ist. Was bekommt sie, was bekommen wir zu sehen? In der ersten Folge den ganzen kulturellen Wildwuchs der Schwarzwaldregion.

Der Schwarzwald als Quelle der Inspiration ist hiermit rehabilitiert

Junge Avantgarde-Theatermacher, die unbequeme Stücke gegen den Bächle-und-Bergle-Geborgenheitskitsch inszenieren. Installationsprovokateure, die Mikrofone im Schwarzwald aufstellen, um im gefühlt geschütztesten öffentlichen Raum die potenzielle Macht der Geheimdienste zu demonstrieren. Und eben die eingangs erwähnten Metalmusiker, die auf der Bühne den unschlagbaren Namen „Imperium Dekadenz“ tragen und mit Kaminer nach einer Bandprobe hinaus in die Landschaft marschieren: „In den dunklen Wald schauen, das ist Black Metal.“

Allein wegen solcher Sätze lohnt sich Kaminers klischeefreie Kuckucksuhren-Fahrt. Der Schwarzwald als Quelle der Inspiration ist hiermit rehabilitiert und Heidegger endlich vergessen.

Wobei die Behauptung von der klischeefreien Zone natürlich immer nur dann aufgestellt werden kann, wenn man das Übel des wiedererkennbaren Charakteristikums benennt, sich ein bisschen mit ihm beschäftigt („Sind die nicht zu laut, die Uhren?“), um es dann weitläufig zu umfahren.

Dass Kaminer, der Zwitterdeutsche mit der tiefen russischen Seele, sich Reste eines fremden Blickes bewahrt haben könnte, ist ein weiteres Werkzeug, das zum Einsatz kommen soll, aber manchmal bemüht witzige Feststellungen evoziert.

Kuckucksuhren, erklärt Kaminer einmal, seien aus purer Langeweile entstanden, weil man in langen süddeutschen Wintern eigentlich nichts anderes machen konnte als Schnaps trinken und Sex haben.

Dabei weiß doch jeder, dass das mit dem Schnaps die Russen sind. Die Badener essen Schwarzwälder Kirsch, bis sie platzen.

„Kulturlandschaften: Wladimir Kaminer in der deutschen Provinz“, Teil 1, „Schwarzwald“ heute, 19.30 Uhr, 3sat. Die übrigen Folgen „Wuppertal“ (25.8.), „Saarland“ (26.8.), „Mecklenburg-Vorpommern“ (27.8.) und „Eifel“ (28.8.) zur gleichen Zeit.

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