Fotografie

Anziehend ausgezogen: Bildband zum Pirelli-Kalender

Ganz schön schön: Steve McCurry fotografierte Elisa Sednaoui in Rio de Janeiro für den Pirelli-Kalender 2013

Ganz schön schön: Steve McCurry fotografierte Elisa Sednaoui in Rio de Janeiro für den Pirelli-Kalender 2013

Foto: Dal Calendario PIRELLI, 2013 di Steve McCurry

Seit mehr als 50 Jahren vereint der Pirelli-Kalender die schönsten Frauen und besten Fotografen. Bildband zeigt Aufnahmen ab 1964.

Hamburg. Er ist begehrt, der schwere Bildband „Pirelli. Der Kalender. 50 Jahre und mehr“ aus dem Taschenverlag. 576 Seiten mit allen ­Kalenderblättchen von 1964 bis 2015, eine dicke Schwarte voller nackter Haut. Tatsachen. Jeden Abend muss er hier im Büro vor neugierigen Händen und Augen verschlossen werden, und das wundert ein wenig. Harmlose erotische Bilderstrecken wecken also immer noch Begehrlichkeiten?

Wir leben in einer Zeit, die gleichzeitig so aufgeklärt ist und so übersexualisiert wie keine davor. Es ist nicht ungewöhnlich für Frauen und Männer, bei der Twitter-Kampagne #aufschrei auf alltäglichen Sexismus aufmerksam zu machen und nur ein Browserfenster weiter nach einem oder mehreren spontanen Sexpartnern zu suchen. Mit den Zielen von Femen und mit dem Inhalt von „50 Shades Of Grey“ zu sympathisieren, ist kein Widerspruch.

Was bedeutet da eigentlich noch ein Pirelli-Kalender? Zwölf Blättchen mit entblätterten Frauen bekommt man mittlerweile auch von der örtlichen Volleyball- oder Boßel-Mannschaft. Und so ist der Effekt beim Durchschauen der 576 Pirelli-Seiten schnell ähnlich wie bei der angesagten Flirt-App Tinder: anschauen, weiterblättern. Zwei Sekunden lange blind dates, die über Gefallen und Nicht­gefallen entscheiden. Spätestens beim Erreichen der 80-er, diesem modisch verlorenem Jahrzehnt, ermüdet man.

So ist der interessanteste Aspekt dieses opulenten Bildbands nicht der erotische. Vielmehr ist er ein geballtes Stück Kulturgeschichte der Akt-, Mode- und Werbefotografie der vergangenen fünf Jahrzehnte mit all ihren Trends, Methoden, Zeitgeistern, Schönheitsidealen und Fantasien. Fotografiert wurden sie von den absolut besten ihres Fachs: Helmut Newton, Karl Lagerfeld, Annie Leibovitz, Richard Avedon, Terry Richardson, ­Peter Lindbergh, Francis Giacobetti.

Und nicht nur die beteiligten Bildkünstler standen und stehen für die Exklusivität, sondern auch die Art der Verbreitung. Seit der Pirelli-Konzern, ein Paradebeispiel für den eitlen italienischen Unternehmer-Jetset der 60er-Jahre, die erste Ausgabe 1964 in Auftrag gab, wurde sie nur an ausgewählte Händler und ausgesuchte Freunde verschenkt. Bei ebay werden derzeit 1800 Euro für eine Kalendersammlung 2005-2015 aufgerufen, das nur mal so als Veranschaulichung des Begehrens.

Die Bilder in der ersten Ausgabe, aufgenommen von dem Beatles-Lieblingsfotografen Robert Freeman (er gestaltete vier Albumhüllen der Fab Four), waren aus heutiger Sicht noch ausgesprochen züchtig. Model Jane Lumb spaziert im Bikini am Strand entlang wie kurz zuvor Ursula Andress im ersten James-Bond-Film. Ihr April-Porträt zeigt die wohl am schönsten geschwungenen Lippen des ganzen Bildbands. Und dieser Kalender hing dann als Blickfänger bei den Pirellihändlern.

Und obwohl die erste nackte Brust erst – natürlich – 1968 von Derek Forsyth in Szene gesetzt wurde, waren die Pirelli-Kalender längst sagenumwobener ­Gesprächsstoff in Zeitungen und Magazinen, in den Nobelherbergen und auf den Yacht-Partys der schön Reichen und reichen Schönen. Sexuelle Anspielungen wie Harri Peccinottis kalifornische Strandszenen von ‘69 mit an Fruchteis und Flaschenrändern leckenden Girls taten ihr übriges.

So zogen die Jahre ins Land; die Kalenderblätter mit im Zuge der ­sexuellen Revolution immer freizügiger werdenden Aufnahmen markierten die Monate. Scheußlichkeiten wie ­Sarah Moons romantisierende Weichzeichner-Schnappschüsse (1972) oder Bert Sterns kreischbunt inszeniertes 1986 und Mick Knights Dali-Fantasien (2004) wurden ebenso abgelichtet wie 2011 Karl Lagerfelds fantastisches „Hera“-Profil von Schauspielerin Julianne Moore. Bis heute geradezu legendär ist die 1999 von Herb Ritts erdachte Dekaden-Serie mit Models in Settings und „Bekleidung“ von 1900 bis zur Zukunft. Oder die „Jahreszeiten“ von Richard Avedon 1995: Nadja Auermann als Winter, Farrah Summerford als Frühling, Naomi Campbell als Sommer und Christy Turlington als Herbst.

Auch Befremdliches und wirklich Ungewöhnliches ist zu entdecken. ­Arthur Elgort provozierte 1990 plakativ mit dem historisierenden, olympischen Sepia-Heros von Leni Riefenstahl. 1998 gab es eine Doppelausgabe von Bruce Weber. Eine mit Eva Herzigová und Stella Tennant, nackt. Und eine mit Ewan McGregor, Robert Mitchum, B. B. King, Bono und John Malkovich, angezogen. Auch 2003 wurde eine zusätzliche Extraausgabe mit gemischten Model-Pärchen verteilt, aber einen freizügigen Kalender nur mit Männern zu veröffentlichen war Pirelli wohl noch zu progressiv. Das in den vergangenen Jahren gestiegene Körperbewusstsein und der Wunsch nach perfekter (Selbst-)Inszenierung der Herrenschaft ging an Mailand vorbei.

Interessant beim Umblättern der letzten Seite ist ein vermeintlich ­unwichtiges Detail: Einen Reifen, das beworbene Produkt, sah man so gut wie nie. Uwe Ommer ließ seinen Models 1984 auf den Bahamas Reifenspuren auf den Po pinseln, auch 1985 und 1988 fand man sie als Muster auf Strümpfen und Ganzkörperkostümen. Ansonsten war der Pirelli-Kalender reifenfrei.

Dabei hatte Helmut Newton 1986 eine seiner klassischen Monochrom-Serien mit Frauen und Pneus, Renn- und Sportwagen, Landmaschinen ­sowie italienischen und monegassischen Straßenpanoramen ins rechte Licht gerückt. Aber erst der Jubiläumskalender von 2014 veröffentlichte zehn Jahre nach Newtons Tod diese einem Reifenhersteller-Kalender eigentlich am nächsten kommenden Fotos. Es geht also auch mit Gummi.

Pirelli. Der Kalender. 50 Jahre und mehr 576 S., Taschen Verlag, 49,99 Euro; www.taschen.com