Luhmühlen

Ein Sommermärchen von einem Festival in der Nordheide

Das Festival A Summer's Tale in Luhmühlen

Das Festival A Summer's Tale in Luhmühlen

Foto: Susanne Oehmsen / HA

Bei A Summer´s Tale in Luhmühlen gibt es neben Rockmusik auch Yoga-Workshops, Kinderspiele, Weinproben und Drei-Gänge-Menüs.

Luhmühlen. „Die rennen uns hier die Bude ein“, sagt Peter Drogis. Der junge Mann mit den langen glatten Haaren und dem Metal-T-Shirt ist verantwortlich für das Luhedeck, ein von grasgrünen Weiden umgebenes offenes Zelt mit einem stabilen Holzboden.

„Die“ – das sind 60 Frauen und Männer zwischen 20 und 65, die auf Yogamatten liegen, den Anweisungen ihrer Lehrerin folgen und versuchen, sich in ihrer Konzentration nicht von den Fliegen stören zu lassen, die bei tropischen Temperaturen über nackte Arme und Beine krabbeln. „Yogaflow“ heißt die Veranstaltung. Sie gehört zum Workshop-Angebot bei A Summer’s Tale. Dieses „Sommermärchen“ ist ein neues Festivalkonzept aus dem Hause FKP Scorpio. Bis zu diesem Sonnabend läuft „Art And Music Live In The Green“ im Eventpark Luhmühlen in der Nordheide. Wo sonst bei Military-Rennen über Stock und Stein galoppiert wird, gastieren internationale Popkünstler wie Patti Smith, Calexico, Tori Amos und Belle & Sebastian.

Das Amiente hat etwas von einem Zauberwald

Von Musik ist am frühen Nachmittag noch nichts zu hören. Das weitläufige Gelände mit seinen Grasflächen und Wäldchen liegt friedlich in der glühend heißen Sonne. Das Ambiente mit seinen Zelten, Buden und hölzernen Kunstobjekten hat etwas von einem Zauberwald. Wer keine Lust auf Bewegung hat, lümmelt in einer Hängematte oder döst auf einer Decke im Halbschatten. Vor dem Kinderzelt zeigen Luka und Johannes von der Zirkusschule Tribühne, wie man mit Kegeln und Bällen jongliert. Im Festival-Atelier, einer großen Scheune, erklärt Stephan Scheer, wie man Bier braut. Etwa 50 Festivalbesucher sitzen auf Bierbänken und hören gespannt zu. Dann ist plötzlich doch dröhnende Musik zu hören, und Scheer muss lauter sprechen, weil Belle & Sebastian auf der großen Bühne Soundcheck machen.

Beim Luhedeck sind die Yoga-Freunde mit ihren Matten inzwischen verschwunden; die nächste Gruppe wartet schon. Der Sommelier-Workshop ist an der Reihe. Auch ausgebucht. Matthias vom Weinladen tvino auf St. Pauli erläutert die Qualität von deutschem Riesling-Sekt und Grand Crus und lässt die Teilnehmer edelste Weine verkosten. „Ich muss los“, sagt eine Frau mit Strohhut zu ihrem Begleiter und verlässt die Runde, „die Augustines fangen an.“ Wenig später ist ein dumpfer Rocksound zu hören, aber er ist weit entfernt und stört niemanden. Das Wein-Tasting geht weiter. Ausgespuckt wird kaum, genossen dagegen sehr.

Die Atmosphäre ist friedlich, Schnapsleichen liegen nirgendwo herum

Niemand hantiert hier hektisch mit seinem Programmheft, um zu checken, welche Band er als nächstes sehen muss. Die Atmosphäre beim Summer’s Tale ist nicht vergleichbar mit anderen Rockfestivals. Das mag an den vielen Kindern liegen, die auf dem Gelände herumtollen, klettern und spielen. Da finden sich schnell gleichgesinnte Mütter und Väter, die Schuhe einsammeln und beim Balancieren Hilfestellung leisten. Die Atmosphäre ist friedlich. Schnapsleichen liegen nirgendwo herum. Über die Theken der Bars gehen mehr Gläser mit Wein, Ci­dre und Rhabarberschorle als mit Bier.

Zum Wohlfühlpaket beim Summer’s Tale gehört natürlich auch Musik, und die ist vom Feinsten. Zum Festivalauftakt am Mittwoch überzeugt die Ex-Moloko-Sängerin Roisin Murphy und bringt die Menge vor der Bühne zum Tanzen, während die Zuhörer im Zeltraum, einem geräumigen Viermast-Zelt, gebannt den poetischen Folksongs von William Fitzsimmons lauschen. Am Donnerstag steht die schottische Band Belle & Sebastian auf der Bühne und spielt bis zum Sonnenuntergang ein mitreißendes Set. Die Folk-Zeiten des achtköpfigen Ensem­bles sind vorbei, Belle & Sebastian machen jetzt tanzbaren Rock, der manchmal an Arcade Fire oder an Talking Heads erinnert. Zum Ende ihres Auftritts holen sie Zuhörer auf die Bühne. Ausgelassen tanzen sie mit den Musikern, das Konzert wird zur Party. Auch dieses Miteinander von Künstler und Fan passt zur Stimmung des Festivals.

Im Zelt gibt es ein Wiederhören mit Ride. 1996 hatte die britische Rave-Combo sich aufgelöst, im vergangenen Jahr reformierte sie sich. Ride spielen laute, fast trancehafte Rave-Beats. Ein paar Kinder mit neonbunten Ohrenschützern wiegen sich auf den Armen ihrer Eltern, aber der Sound ist für sie zu laut, und für die meisten ist es ohnehin Zeit, Zelt oder Wohnmobil aufzusuchen. Jetzt, in der Dunkelheit, sind einige Bäume von flirrendem Licht erfüllt, bunt angestrahlte Holzskulpturen weisen den Weg zu den Campingplätzen. Wer das Erlebte in aller Ruhe Revue passieren lassen möchte, hockt sich auf einen Holzschemel vor der Waldbühne und hört dem bärtigen DJ zu, der dort Soul und sanft vor sich hin groovenden Reggae auflegt.

Etwa 5000 Gäste sind angereist, es ist Platz für mehr

Etwa 5000 Besucher sind zu diesem Kunst- und Musik-Festival angereist, doppelt so viele würden Platz finden – die Idee von Veranstalter Folkert Koopmans muss sich erst herumsprechen. Für die nächsten fünf Jahre hat er eine Vereinbarung mit dem Besitzer des fast fünf Hektar großen Geländes getroffen. „A Summer’s Tale“ bietet nicht nur qualitativ hochwertige Musik – am Sonnabend stehen unter anderem Calexico, Tori Amos, Sophie Hunger, Yann Tiersen, Hundreds und Waxahatchee auf dem Programm –, sondern auch Komfort in jeder Hinsicht. In der „Summer’s Tale Cuisine“ gibt es Drei-Gänge-Menüs, bei denen der Harburger Sternekoch Frank Wiechern Saib­lingsfilet auf Steinpilz-Risotto oder eine Birnen-Pfannkuchen-Rolle mit Walnuss-Eis serviert.

Das Programmheft ist ein wichtiger Helfer, um den Festivaltag zu strukturieren. Morgens vielleicht eine Bootsfahrt auf der Luhe? Der Holzworkshop geht auf keinen Fall, denn der ist bereits ausgebucht. Oder vielleicht doch zu Peter Drogis aufs Luhedeck? Dort läuft ein Handstand-Workshop. Es gibt sogar noch Plätze.

Infos, Tickets, Anreise: www.asummerstale.de