Hamburg

Judenfeinde auf dem Grünen Hügel

Zum Start der Festspiele in Bayreuth ist ein Buch über Richard Wagners Schwiegersohn, den Nazi-Vordenker Houston Stewart Chamberlain, erschienen

Hamburg.  Gäbe es die Oscar-Kategorie „Best Supporting Actor“ auch in der Geschichte der Bayreuther Festspiele, der Brite Houston Stewart Chamberlain, ein großer Name in der zweiten Reihe des Stammbaums, wäre ein heißer Anwärter für eine Auszeichnung. „Er war der intellektuelle Kopf in Bayreuth nach Wagners Tod“, fasst der Hamburger Politikwissenschaftler Udo Bermbach dessen Bedeutung zusammen. Chamberlain war durch seine Ehe mit Tochter Eva nicht nur Wagners Schwiegersohn. In „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ hatte er 1899 eine krude rassistische Kulturtheorie über Germanen und Juden und den Rest der Welt gebündelt, die 1200-Seiten-Schwarte wurde zum internationalen Bestseller – und zur Inspirationsquelle der Architekten des tausendjährig gedachten Reichs. Hitler, ein Neffe im Geiste, lobte Chamberlains Thesen, der wiederum bewunderte, verzückt von der Person des späteren Führers, zurück und wurde von Goebbels als „Vater unseres Geistes“ verehrt.

Winifred Wagner verwendete für Hitler das Kürzel „USA“: Unser seliger Adolf

Dass Chamberlain, der polyglotte Germanophile aus gutem britischen Haus, kein ausschließlich plump wütender Antisemit war, als den ihn die Bayreuth-Folklore gern verkürzend in die rechte Ecke stellt, argumentiert Bermbach in einer 600-Seiten-Werkbiografie, die pünktlich zum Beginn der Festspiele erscheint. Chamberlain war für viele, die sich auf ihn beriefen, ein sehr gelegen kommender Vorzeige-Intellektueller, „im Gegensatz zu den verdrucksten Kleinbürgern, die in Bayreuth herumschlichen“. Er schrieb klug über Goethe, über Kant, über Theologie. Wagner war für ihn zwar der größte Musiker der Welt, doch nicht der größte Denker. Ein Judenhasser von Welt, bei dem das rechte gutbürgerliche Lager sich beruhigt einreden konnte, wenn so ein Feingeist zu den Nazis überläuft, könnten sie das auch, ohne schlechtes Gewissen. „Das machte seine Anziehungskraft aus. Chamberlain war keiner dieser Radau-Antisemiten, wie sie im Kaiserreich weit verbreitet waren.“ Er sei durchaus Stichwortgeber der Nazis gewesen. „Aber sein Denken ist nicht identisch mit ihrem.“

Fast vier Jahre hat der Politikwissenschaftler Bermbach, seit Langem einer der textfleißigsten Wagner-Buchautoren und Mitherausgeber vom „wagnerspectrum“, an der ersten deutschsprachigen Werkbiografie gearbeitet, um Licht in ein wenig bekanntes Kapitel heikler deutscher Kulturgeschichte zu bringen. Zur Sympathiegefahr, mit der man bei so intensiver Beschäftigung rechnen muss, entgegnet Bermbach mit der Routine des Fachautors, die wissenschaftliche Distanz müsse man bewahren. Das ist angesichts der chronisch herrschenden Zu- und vor allem Missstände rund um das Thema Wagner und Bayreuth nicht immer einfach.

Dort hat Bermbach bei der Quellenarbeit erlebt, wie viel noch, offenbar gewollt, im Argen liegt. Das Wagner-Museum ist die Heimat von 200.000 Objekten, so wichtige wie potenziell explosive Nachlässe wie die von Richards Sohn Siegfried und dessen Frau Wini-fred aber liegen, immer noch bombenfest verborgen, in München. Winifred war die Unbelehrbarste im Clan, die für den innig verehrten Hitler die Abkürzung „USA“ verwendete: Unser seliger Adolf.

Aus der Ankündigung, unzugängliche Dokumente von Wissenschaftlern sichten und aufarbeiten zu lassen, ist bislang nichts geworden, die Auserwählten haben sich 2013 von diesem Job verabschiedet, mit unklaren und unbefriedigenden Begründungen.

Das Material zu Chamberlain wird im Bayreuther Archiv buchstäblich noch so gelagert, wie es dessen Frau in Mappen gepackt hatte. Wer möchte, könnte so manches, bis hin zu Hitlers Beileids-Telegramm von 1927, einfach mitnehmen. Unhaltbare Zustände, empörten sich Experten kürzlich in der „Opernwelt“. Auch Bermbach („Man hat das Gefühl, Bayreuth ist diese ganze Wagnerei lästig“) listete am vergangenen Wochenende mit akademischer Gründlichkeit die Bayreuther Defizite und Versäumnisse als Nachschlag in der „NZZ“ auf. Empörte Mails aus Bayreuth und ein Anruf vom Kulturdezernent kamen schneller, als man „Hojotoho“ sagen kann.

Für Bermbach hat die kulturpolitische Schlamperei an diesen Adressen Methode. „Ich sehe das als ein Gekungel und Hin und Her zwischen den zuständigen Institutionen an. Die können sich offensichtlich nicht einigen, wer was zu finanzieren hat“, meint er. „Aus meiner Sicht ist das eine Vergangenheitsverdrängung. Die sind an Aufarbeitung nicht wirklich interessiert. Und die Festspielleitung schon gleich gar nicht.“ Dabei sei Bayreuth nicht irgendein Festspiel-Ort, sondern „Seismograf und Indikator für die deutsche historische Entwicklung – im Positiven wie im Negativen. Es müsste von der Politik entsprechender Druck ausgeübt werden. Das merkwürdige Phänomen ist aber, dass sie vor dem Namen Wagner kuscht. Sobald Wagners auftauchen, kuschen die alle und überschlagen sich vor Freundlichkeit.“

Gerade erst vermeldete die Bayreuther Lokalpresse, die Ausstellung „Verstummte Stimmen“, mit der an die Schicksale jüdischer Künstler während der NS-Zeit erinnert wird, werde dauerhaft im Richard-Wagner-Park vor dem Festspielhaus bleiben, nur einen Programmheftwurf entfernt von der Wagner-Büste, die Hitlers Leib- und Magen-Bildhauer Arno Breker ins Allerheiligste des Wagner-Verehrers lieferte. Bermbachs Meinung dazu ist klar: „Natürlich ist das ein Feigenblatt. Diese Ausstellung ist ja ohne jegliche Unterstützung vom Festspielhügel gemacht worden.“

„Ich verstehe die Festspielleitung überhaupt nicht“, fährt er fort. „Ich hab das nie verstanden. Solange Wolfgang“ – der 2010 gestorbene Patriarch, Vater und Türöffner der jetzigen Chefin Katharina – „dran war, war es mir klar: weil er ja selbst involviert war. Viel weniger übrigens als sein Bruder Wieland, der ständig von dessen Tochter Nike weißgewaschen wird, die Vorträge hält, er sei ein Unschuldslamm gewesen. Was ja völlig falsch ist. Eine Version ist: Sie sind nicht interessiert, die andere: Sie sind unfähig, es so zu organisieren, dass etwas dabei heraus- kommt. Aber da ich die Festspielleitung, wie sie jetzt konstruiert ist, für eine Ansammlung von Unfähigkeit halte, würde mich auch eine Mischung aus beidem nicht wundern. Ich glaube, dass Katharina auf ihrer Position überfordert ist, und dass ihre Halbschwester Eva, wenn sie geht, kein Verlust ist.“

2007 debütierte Katharina mit den „Meistersingern“ auf dem Hügel, an diesem Sonnabend, acht Jahre später, soll es ihr neuer „Tristan“ richten. „Ich glaube, dass sie nicht zu den großen Regisseuren gehört“, kommentiert Bermbach vorab. „Es hängt davon ab, ob sie konzeptionsstarke Dramaturgen hat. Dann kann es gelingen. Aber was die Führung betrifft – eine einzige Katastrophe. Auf dem Stand, auf dem sie heute in Bayreuth sind, können sie mit Aufführungen an anderen Orten nicht mehr konkurrieren. Mit dem, was in den letzten fünf Jahren produziert wurde, sind sie nicht mal mit Frankfurt konkurrenzfähig.“

Udo Bermbach „Houston Stewart Chamberlain: Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker“ J.B. Metzler, 592 Seiten, 39,95 Euro.