Kultur

Zwei Debütanten für den Kühne-Preis

Vielversprechend: Mirna Funks „Winternähe“ und Stefan F. Etgetons „Rucksackkometen“

Sie kann nirgendwo andershin führen, diese Reise der zwei Powergammler Fiete und Jann Spille, als nach Athen auf die Akropolis. Jenem Symbol alter Klasse und ewiger Größe also – gegenwärtigen Tragödien zum Trotz. Stefan Ferdinand Etgetons junge Helden sind Humanisten ganz eigener Art, sie lieben erst einmal alle Menschen, die ihnen unterwegs begegnen auf ihrem Trip durch Südosteuropa. Auf dem vereinigen sich alle Nationen. Also auch Griechen und Deutsche. Das liest sich fast wie ein utopischer Roman.

Das ist „Rucksackkometen“, Etgetons im Beat einer Interrailreise pulsierendes Romandebüt, natürlich nicht. „Rucksackkometen“ ist ein Roadtrip mit Wein, Weib und Gesang – in der neuesten Version der berühmten Figur des Taugenichts und Müßiggängers. Geld zusammenschmeißen, sich treiben lassen – als Identifikationsmodell hat der ungezielt Reisende auch im dritten Jahrtausend noch nicht ausgedient. Etgetons grundsympathischer Erzähler Fiete ist auf gewisse Weise ein leuchtender Wiedergänger von Christian Krachts „Faserland“-Durchfahrer – auch Etgetons sich am mündlichen Ausdruck orientierende Sprache erinnert an Kracht.

Wie Etgeton ist auch Mirna Funk in diesem Jahr für den Klaus-Michael Kühne-Preis nominiert. Der wird traditionell im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals (9. September bis 10. Oktober) vergeben und gilt als wichtiger Preis für junge Talente. Funk, 34, aus Berlin gebürtig und derzeit meist
in Israel lebend, erzählt in „Winternähe“ die Geschichte ihrer Heldin Lola. Die ist Jüdin und hält es in Deutschland nicht mehr aus, weil sie die ständige Israelkritik und den unterschwelligen Antisemitismus satt hat. Also siedelt sie nach Tel Aviv über, lernt dort einen traumatisierten Israeli kennen und verliebt sich in ihn. Shlomo ist
nur ein weiterer Mosaikstein in Lolas Identitätsgebäude: Es wankt manchmal noch, und sie versucht, festen Boden unter die Füße zu bekommen. Shlomo war früher Soldat, er erschoss einst einen palästinensischen Jungen, jetzt ist er ein Hardcore-Linker, der auf
die Beerdigungen der Palästinenser geht und nicht auf die der Israelis. „Winternähe“ ist ein dialogstarker Thesenroman, in dem die Protagonistin sehr deutlich ihre Sätze formuliert: Sie ist Deutsche und Jüdin, und das setzt sie in ein permanentes Spannungsverhältnis mit sich selbst. Darin spiegelt sich die Zerrissenheit des Landes Israel, von dem dieser lesenswerte Roman erzählt.

Stefan F. Etgeton: „Rucksackkometen“,
C.H. Beck. 271 S. 19,95 Euro. Lesung am 15.9. im Nochtspeicher (19 Uhr). Mirna Funk: „Winternähe“, S. Fischer. 352 S., 19,99 Euro. Lesung am 13.9. im Nochtspeicher (19 Uhr)