Hamburg

Wenn das Museum zur Tätowierstube wird

Diese Performance tat weh: Im Museum für Kunst und Gewerbe stach eine Deutsch-Australierin Freiwilligen „Blutlinien“ direkt auf den Körper

Hamburg.  Es geht ums Loslassen. Um das Bewusstwerden von Sehnsüchten, Emotionen, Tabus. Ein Wort reicht. Als blutrote Wunde ist es auf der Haut zu sehen und löst beim Betrachter Irritationen aus. „Körperarbeit“ nennt Natascha Stellmach diesen Prozess. Die deutsch-australische Künstlerin tätowiert ihren Probanden ein Wort auf den Körper, allerdings ohne Tinte. Diese Tattoos heißen „bloodlines“. Es entsteht eine Wunde, die in wenigen Wochen abheilt und wieder verblasst, ohne eine Narbe zu hinterlassen. Der so Tätowierte kann die Heilung der Haut verfolgen. Im besten Fall hat er am Ende dieses Prozesses einen persönlichen Dämon hinter sich gelassen. „The Letting Go“ heißt das Performance-Projekt der Künstlerin, das aus Tätowierung, Selbsterfahrung und Fotografie, unter anderem Selfies, besteht. Im Rahmen der „Tattoo“-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) gastierte Stellmach zwei Tage lang dort und hielt insgesamt zehn Sitzungen ab.

Die zierliche Künstlerin agiert auf einer etwa 50 Quadratmeter großen schwarzen Fläche im Untergeschoss des Museums. Eine ebenfalls schwarze Matte liegt neben ihren Geräten, eine große Leinwand mit einer Lampe für abschließende Porträtaufnahmen ist aufgestellt. Auf zwei weiße Sitzwürfeln beginnt die halböffentliche Séance. Stellmach fasst jeden Performance-Teilnehmer an den Händen, meditiert kurz mit ihm und versucht dann in einem meistens halbstündigen Gespräch im Flüsterton herauszubekommen, welches Wort für den Probanden das für ihn richtige ist. Die beiden ersten Begriffe, die sie in Hamburg auf die Haut schreibt, sind „Angst“ und „scare“. „Es geht in diesen intimen Gesprächen oft um Ängste“, erklärt sie, das Wort hat sich im MKG jedoch zum ersten Mal ein Teilnehmer gewünscht. Bei den bisherigen 60 Sitzungen hat sie Wörter wie „Leid“, „Trauer“, „Sehnsucht“ und „Schwarze Gülle“ in Blut eingeschrieben. Und viele Vornamen – offensichtlich auch eine Art, jemanden loszulassen, wenn der Name nach und nach verblasst.

Ihre Performance und der sich privat anschließende Prozess bei den Teilnehmern kann durchaus eine therapeutische Wirkung haben. „Er sollte vor allem positiv sein“, sagt sie. In den kommenden Wochen wird sie von den Teilnehmern Selbstbilder erhalten und Mails mit deren Gedanken über die Auswirkungen der Bloodlines. Ihre künstlerische Arbeit sieht Stellmach als Experiment. Am Ende soll daraus möglicherweise ein Buch entstehen, das die Arbeit dokumentiert und in dem sie die persönlichen Gespräche und Mails auswertet. Sie unternimmt den Versuch, diese Performance künstlerisch und gesellschaftlich einzuordnen. Stellmach erfährt viele Geheimnisse, aber sie unterliegt wie ein Arzt oder eine Therapeutin der Schweigepflicht. Doch was sie erfährt, ist für sie wie ein Spiegel von Ängsten und Sehnsüchten. Mit ihrer künstlerischen Intervention kommt sie im wahrsten Wortsinn unter die Haut.

Tattoo Museum für Kunst und Gewerbe (Steintorplatz), die Ausstellung läuft noch bis zum 6. September; Di–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr