Salzburg

Salzburger Festspiele wieder (fast) in Hamburger Hand

Sven-Eric Bechtolf war einst Mitglied der Thalia-Theaterdirektion

Salzburg.  Als Teufel hat Sven-Eric Bechtolf eine gute Figur gemacht. Als er 2007 und 2008 im Salzburger Festspieldauerbrenner „Jedermann“ in der Doppelrolle von „Guter Gesell“ und „Teufel“ zu erleben war, überschlugen sich Publikum und Kritik in Lobeshymnen. „Mit Kinderschreck-Grinsen gibt er die Höllenknallcharge vom Rummelplatz und wurde ... mit dem größten Applaus bedacht“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“.

Auch jetzt hat Bechtolf wieder einen Höllenjob, doch ob er dafür genauso viel Zustimmung ernten wird wie einst beim „Jedermann“, ist offen. Als Nachfolger von Alexander Pereira, der ihn 2011 als Schauspielchef der Salzburger Festspiele verpflichtet hatte, sitzt Bechtolf nun selbst auf dem Intendantenstuhl, wenn auch nur interimistisch. Denn Pereira verabschiedete sich schon nach drei Jahren aus Salzburg, um Chef der Mailänder Scala zu werden. Und der künftige Festspielleiter Markus Hinterhäuser tritt sein Amt erst zur Saison 2017 an. Mit Bechtolf sind die Festspiele (nach Peter Ruzicka und Jürgen Flimm) gewissermaßen wieder in Hamburger Hand. Also, fast: Helga Rabl-Stadler ist seit 1995 Präsidentin der Salzburger Festspiele.

Bechtolf ist wohl das, was man einen Workaholic nennt. In dieser Saison verantwortet er nicht nur die künstlerische Gesamtleitung des weltgrößten Musik- und Theaterfestivals. Er inszeniert auch Mozarts „Le nozze di Figaro“ und sitzt im Regieteam von „Mackie Messer“, einer von ihm ins Programm gehobenen Salzburger Experimentalfassung der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill mit neu orchestrierten Songs. In einer konzertanten Aufführung der Original-Dreigroschenoper hat er zudem die Sprecherrolle übernommen.

„Meine Kinder sind erwachsen. Es wartet daheim selten jemand auf mich, und ich habe keine Hobbys“, begründet Bechtolf in der Zeitung „Der Standard“ seinen Arbeitseifer mit der ihm eigenen Schnoddrigkeit. Der 1957 in Darmstadt geborene und in Hamburg aufgewachsene Künstler hat eine steile Karriere absolviert.

Nach seiner Ausbildung am Salzburger Mozarteum reüssierte er zunächst als Schauspieler im Fernsehen („Derrick“, „Tatort“) sowie auf diversen Bühnen wie dem Zürcher Schauspielhaus, dem Wiener Burgtheater und dem Hamburger Thalia Theater, wo er zudem Mitglied der Direktion war. Schon am Thalia-Theater begann er, auch als Regisseur zu arbeiten. Zum Sprechtheater gesellte sich bald die Oper. Höhepunkt seiner bisherigen Arbeit als Opernregisseur war der neue Wiener „Ring des Nibelungen“. Seine Auseinandersetzung mit Wagners Opernzyklus von 2007 bis 2009 verarbeitete er auch in dem Buch „Vorabend – eine Aneignung“.

Bechtolf ist ein Tausendsassa, eine schillernde, faszinierende, aber auch polarisierende Persönlichkeit. Auf Fotos gibt er sich lässig bis cool, einmal sogar in Bomberjacke. Doch der Schein trügt, denn Bechtolf ist ein bekennender, zuweilen kämpferischer Konservativer und damit das genaue Gegenteil zum Altlinken Jürgen Flimm, Pereiras Vorgänger als Festspielchef. Er ficht für Eliten, bricht einen Stab für das gute alte Bildungsbürgertum, kämpft gegen Jugendwahn und eine übersexualisierte Gesellschaft.

Als Regisseur gibt sich Bechtolf abgeklärt: „Ich habe keine nennenswerten politischen, religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen mehr.“ In seinem Salzburger „Don Giovanni“ mit der finalen „Höllenfahrt“ des Protagonisten tauchen Teufelchen auf mit roten Hörnern. Vielleicht eine Reminiszenz an die eigenen Auftritte als „Höllenknallcharge vom Rummelplatz“.