Ausstellungs-Tipp

„Tücken“ zeigt polnische und deutsche Kunst

Wer ist hier eigentlich das Schwein? Arti Grabowski beißend böses Video „Oktoberfest“

Wer ist hier eigentlich das Schwein? Arti Grabowski beißend böses Video „Oktoberfest“

Foto: Arti Grabowski

Die subtil politische, sehr interessante Ausstellung „Tücken“ im Altonaer Museum zeigt polnische und deutsche Kunst.

Iwona Bigos ist eine umtriebige Frau. Die Leiterin der Städtischen Galerie in Danzig kennt das Altonaer Museum seit Jahren, und so lag für sie anlässlich der Altonale kürzlich die Frage auf der Hand, ob es nicht möglich sei, zwischen den Exponaten des Hauses ein paar künstlerische Interventionen auszuhecken. Entstanden ist die sehenswerte, in mehrerlei Hinsicht anregende Ausstellung „Tücken/Przewrotnosc“, die noch bis 11. Oktober im Altonaer Museum läuft. Kuratorinnen sind Iwona Bigos, Katarzyna Rogacka und Marta Wroblewska.

15 polnische und deutsche Künstler nähern sich dem Thema gesellschaftlicher und urbaner Entwicklungen im Kontext globaler Veränderungen auf eine Weise, die überwiegend auch von nicht Eingeweihten entschlüsselt oder wenigstens genossen werden kann. Die Galeristin führt zuerst in den Raum mit Modellen historischer Frachtschiffe. Hier präsentiert der Künstler Till Krause von der Galerie für Landschaftskunst deren Projekt „Flusszone Süderelbe“, in dem zum Beispiel die Frage durchgespielt wird, wem eigentlich ein Fluss gehört ...

Nicht weit davon werden die Farbfotos an die Wand projiziert, die Michal Szlaga ab 1999 in der Danziger Lenin-Werft gemacht hat. Wie vielleicht viele bereits vergessen haben, ging Glasnost und die Öffnung des Eisernen Vorhangs 1980 von den mutigen polnischen Werftarbeitern aus, die durch die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc die Geschichte Europas neu aufrollten. Szlaga durchwandert dieses Symbol des Widerstands und langjährigen Wohlstands in Danzig, nachdem die Globalisierung zugeschlagen hat und dieser legendären Werft mit so vielen anderen der Garaus gemacht wurde.

Er zeigt, wo die Arbeiter, die einst für ihre Rechte und mehr Freiheit gekämpft haben, ihre Jacken in die Spinde hingen, Durchgänge, Fußböden, vertrocknete Topfpflanzen. Melancholie erfüllt die Luft. Und Poesie, beschworen durch den Danziger Künstler Maciej Salamon: In einer Vitrine, neben allerlei nautischem Gerät, hat er jene unscheinbaren Pflanzen, die zwischen den Gehwegplatten der Danziger Lenin-Werft wachsen, zu einem überirdisch silbern glitzernden „Werft-Herbarium“ arrangiert. Gleich daneben hat Ania Witkowska in einer Videoinstallation die Geschichte vom missglückten Ikarus-Flug neu interpretiert, ohne den Ausgang des Wagnisses zu zeigen. Haben die schäumenden Wellen den Himmelsstürmer verschluckt?

In einem anderen Raum, weiter unten, wo das Museum Papiertheater und optische Täuschungen präsentiert, läuft ihr zweiter, witziger, mit Handkamera gedrehter Kurzfilm über das plötzliche Verschwinden eines Mannes von einem Stoppelfeld. Puff, weg ist er!

Im Treppenhaus hat Thilo Droste eine schöne Arbeit aufgestellt, die aus zwei gegenüberliegenden Spiegeln besteht. Auf dem einen steht „Wahrheit“, auf dem anderen „Lüge“, und unwillkürlich bewegt sich der Besucher zwischen Erinnerung, Geschichtsbewusstsein und den Fragen nach dem, was wirklich war und vielleicht auch ist.

Aus Gegenständen, die ihr Bürger aus Altona ins Museum gebracht haben, hat Anja Fußbach ein spektakuläres künstliches „Korallen“-Riff zusammengebastelt, grellbunt, fröhlich und ausbaufähig. Hier hinein, über eine Badewanne, wurde ein Film der Künstlerin Angelika Fojtuch projiziert. In Erinnerung an all die verschwundenen oder zerstörten historischen Springbrunnen in den alten Gärten der verjagten Aristokratie stellte sie sich einen Tag lang nackt als schaumgeborene Venus auf einen verzierten Sockel und filmte, was rings um sie geschah.

Gegenüber der großen, reetgedeckten Bauernkate des Museums wurden gewissermaßen im historischen Vergleich die Plattenbau-Modelle von Julita Wojcik aufgestellt. Sie sehen aber nicht aus wie ihre Originale aus den 1970er-Jahren, sondern die Künstlerin hat sie aus hanfähnlichem Schustergarn nachgehäkelt und dadurch eine Verbindung zu der Kate geschaffen, die ja auch aus Holz, Lehm und Stroh von Hand gebaut wurde.

Drinnen in der Kate ist bekanntlich allerhand bäuerliches Hauswirtschaftsgerät, hölzerne Möbel und anderes aufgebaut. Hier, wo die alte Lebensweise früherer Landwirte im Rhythmus der Natur zum Greifen nah erscheint, läuft das Video von Arti Grabowski, „Oktoberfest“. Es spricht für sich: Der Künstler hat ein kleines Bankett aufgebaut. Elegant gewandet, trinkt er Krim-Sekt, isst von weißem Damast bayrische Spezialitäten, und weitere Teller warten auf Gäste, die sich grunzend nähern. Bald sieht man sie, die Schweine, die mit ihren gierigen Schnauzen nicht nur das Sauerkraut auffressen, sondern auch die Schnitzel, die aus ihren Artgenossen gemacht wurden.

Als nächstes frisst der Künstler ebenfalls von der Tischdecke, und bald sitzt er auf dem Stallboden und schüttet den Rest vom Sekt in die Schweineschnauzen. Der Film ist zum beliebtesten Kunstwerk der ganzen Ausstellung geworden.

Tücken/Przewrotnosc So 19.7., 10 bis 18 Uhr, Altonaer Museum (Museumstraße 23; Anreise hier), Eintritt 7,50, ermäßigt 4,50, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt; die Ausstellung ist noch bis zum 11. Oktober, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, zu sehen