Büdelsdorf

Teenager am Dirigentenpult

Krzysztof Urbanski ist nicht wirklich noch unter 20 Jahre alt, aber er fühlt sich so. Ein Probenbesuch bei der von ihm geleiteten Festivalakademie des SHMF

Büdelsdorf.  Ein gewisses Maß an Lässigkeit hat in den letzten 25 Jahren selbst im Kapellmeisterwesen Einzug gehalten. Der edle schwarze Kaschmirpullover, den ein Herbert von Karajan noch selbstverständlich auch auf der Probe trug, bestimmt nicht mehr den Dresscode. Esa-Pekka Salonen dirigiert meist im schwarzen T-Shirt, Gustavo Dudamel gar im Fußballtrikot, selbst Sir Simon Rattle hüllt sich bei der Probe in legere Klamotten. Casual wear stellt keine akute Gefahr mehr dar für die Autorität der Götter mit Taktstock. Nicht so außergewöhnlich also, dass Krzysztof Urbanski an diesem Morgen in der ACO Thormannhalle Büdelsdorf in Blue Jeans mit umgeschlagenen Hosenbeinen und Sweatshirt aufs Pult hechtet. Extravagant allenfalls der Umstand, dass er zu den Turnschuhen die Socken weglässt. Denn so warm, wie es sein müsste, ist es gar nicht. Halt Sommer im Norden.

Urbanski, 33 Jahre alt, ist hier in der seltenen Situation, ein Orchester zu dirigieren, dessen Musiker ausnahmslos jünger sind als er selbst. Ein mehr oder weniger verborgenes altersbedingtes Autoritätsproblem, das manche lang gediente Tuttisten und Solospieler in einem jener namhaften Berufsorchester, die er sonst leitet, mit ihm haben dürften, stellt sich nicht bei den 105 spielhungrigen Musikern des Akademieorchesters des Schleswig-Holstein Musik Festivals, die jetzt vor ihm auf der Probebühne sitzen. Keiner der in den weltweit abgehaltenen Probespielen ausgewählten Top-Instrumentalisten darf älter als 26 Jahre sein. Diesmal kommen sie aus 27 verschiedenen Nationen. Und Urbanski ist der Erste, mit dem sie in dieser Festspielsaison arbeiten.

„Ich fühle mich gar nicht groß älter als die Orchestermusiker“, sagt Urbanski später abwehrend, und setzt mit seinem ziemlich unwiderstehlichen Jungslächeln hinzu: „Eigentlich fühle ich mich wie ein Teenager.“ Das passt, und passt zugleich überhaupt nicht. Teenager mögen zu gelegentlicher Selbstüberschätzung neigen, aber innerlich sind sie noch unsicher. Urbanski aber weiß ganz genau, was er will. Und wie er es bekommt.

Geprobt wird an diesem Morgen „Le Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky. Es ist bereits der dritte Probentag. Die ersten beiden Tage verbringe er mit jedem für ihn neuen Orchester eigentlich immer damit, zu sortieren, wie die Verständigung miteinander funktioniert: „Ich reagiere auf das, was ich höre, und sie reagieren auf die Bewegungen meiner Hände. Das braucht Zeit.“ Tag drei wäre also der erste künstlerisch produktive Tag. Und so hört sich die Probe auch an. Die Musiker, viele in kurzen Hosen und mit Flip flops an den Füßen, spielen mit einer Präzision zusammen, als hätten sie gemeinsam schon so manche Dirigenten an ihr Pult kommen und von dort wieder abtreten sehen. Dabei müssen ja auch sie einander erst kennenlernen. Die Zusammensetzung ist jedes Mal neu. Nur wenige von ihnen waren schon 2013 dabei, als Urbanski erstmals das Festivalorchester leitete.

Viele der Solisten spricht der ebenso energetisch sprühende wie energisch zielbewusst agierende Dirigent beim Vornamen an: „Bevor ich ankam, gab man mir eine Liste“, sagt er. „Die habe ich mir angesehen und ein paar Namen gleich gelernt. Bis Sonnabend wüsste ich gern am liebsten alle, aber das schaffe ich wohl nicht. Aber die von den Solisten versuche ich mir zu merken. Schließlich sind wir Kollegen.“

Kollegen. Leonard Bernstein benutzte eine wärmer timbrierte Vokabel, um das Verhältnis zwischen den Orchesterakademisten und sich zu beschreiben: „Let’s make music as friends“, lautete sein viel zitiertes Motto, das, aufs Publikum erweitert, zu einer Art allumfassendem SHMF-Slogan geworden ist. Wenn aber Urbanski von den Musikern als Kollegen spricht, schwingt mindestens genauso viel Respekt mit wie bei seinem erklärten Idol Bernstein. „Sie spielen mit solcher Energie“, schwärmt er. „Was immer ich verlange, setzen sie sofort um, sodass ich fast aufpassen muss, was ich mir wünsche. Wenn ich sage, kann ich die Note bitte etwas länger haben?, spielen sie sie gleich unglaublich lang.“

Mehrmals während der Probe verlässt Urbanski das Pult und hört sich das Orchester in voller Fahrt aus der Mitte des Saals an. Die betreffenden Passagen des „Sacre“, laut Bernstein „eine der härtesten Nüsse, die es im Orchesterrepertoire zu knacken gibt“, sind auch ohne den Chef am Pult perfekt zusammen. Man erschrickt fast, wie 105 Musiker führungslos einen solchen Furor an Klang zu entfesseln vermögen, ohne dass auch nur einer rausfliegt. Könnten sie womöglich sogar das ganze, verrückte, brutale, von Synkopen, krummen Takten und aberwitzigen Akzenten und Tempi durchzogene Werk ohne Dirigent bewältigen?

Sehr unwahrscheinlich. Sie sind angewiesen auf einen so exzellent präparierten Lotsen wie Urbanski, der die mit signalfarbenen Post-its dekorierte Partitur vor sich aus dem Effeff kennt und der ihnen in seinen sehr schnell gesprochenen Anweisungen auf Englisch verdeutlicht, worauf sie jeweils hören müssen, um ihre Phrasen und Töne sinnvoll zu artikulieren.

Denn lässig ist Krzysztof Urbanski allenfalls in Kleiderfragen. Wenn er sich einer Partitur nähert, ist allergrößte Akribie seine Leidenschaft. Die beiden Chopin-Stücke des SHMF-Konzerts (mit Jan Lisiecki als Solist) spielen die Musiker aus Urbanskis eigenem Notenmaterial: „Chopin war ein Genie, seine Kompositionen für Klavier sind unerreicht. Aber als Orchestrator war er nicht so doll. Aus den wenigen Noten, die er geschrieben hat, einen schönen Klang rauszuholen, ist für jedes Orchester eine echte Herausforderung. Ich habe deshalb kleine Retuschen an der Partitur vorgenommen.“ Ganz schön mutig für einen gefühlten Teenager aus Polen, wo oberhalb Chopins allenfalls noch Karol Wojtyla rangiert.

Beim Konzert in Lübeck bekommt Krzysztof Urbanski heute den Leonard-Bernstein-Award überreicht, den die Sparkassen-Finanzgruppe Schleswig-Holstein stiftet. Unter den 14 Preisträgern, denen die Ehre bislang zuteil wurde, ist er der erste Dirigent.

Fr, 17.7., 20.00, MuK Lübeck, Sa, 18.7., 20.00, Laeiszhalle, Restkarten an der jew. Abendkasse