Kultur

Theater und Wodka für alle in der Hamburger Unterwelt

Neele-Frederike Maak, Johannes Nehlsen, Stephan Möller-Titel, Charlotte Pfeifer (v.l.) in "Gier"

Neele-Frederike Maak, Johannes Nehlsen, Stephan Möller-Titel, Charlotte Pfeifer (v.l.) in "Gier"

Foto: Georg Schmid

Im Bunker am Steintorwall zeigt Julius Jensen mit einer freien Gruppe Sarah Kanes „Gier“. Am Ende der Premiere gab es Wodka für alle.

Hamburg. Es ist kalt. Zwei steile Treppen geht es hinunter in die Hamburger Unterwelt, die Souffleuse verteilt Decken. Mit dem schwarzen Fleece unterm Arm läuft man in einem Pulk von 30 Personen durch die Gänge. Vorbei an Türen mit den Aufschriften „Essenausgabe“ oder „Bunkerwart“.

Auf einem Bett liegt eine in Plastik gehüllte menschengroße Puppe. Hier haust der Tod. Beim Raum 104 kommt die Menschenansammlung zum Stehen und sucht sich einen Platz auf den an der Wand aufgereihten Holzsitzen. Es ist eng. Bedrückend. Während des Zweiten Weltkrieges bot der Tiefbunker am Steintorwall unter dem Hauptbahnhof mehreren tausend Menschen Zuflucht vor den Bombenangriffen der Alliierten, an diesem Abend ist er Ort einer Theaterinszenierung. Sarah Kanes Stück „Gier“ wird gegeben, eine freie Gruppe unter der Leitung von Julius Jensen (Regie) und Sabrina Bohl (Dramaturgie) führt es in diesem Verlies auf, der ein Schutzraum war.

Jensen und Bohl haben diesen besonderen Ort für ein besonderes Stück gewählt. Die englische Autorin hat es 1998 geschrieben, 2000 lief es in einer Inszenierung von Ute Rauwald am Schauspielhaus, Jensen war da Regieassistent, nun bringt er es in Eigenregie auf eine Bühne, die nur aus Treppen, engen Gängen und verwinkelten Räumen besteht. Im Bunker wird „Gier“ zum Stationendrama. Vier Mal wechselt die Szenerie, die Schauspieler verschwinden, ihre Stimmen sind nur aus dem Off oder über Lautsprecher zu hören. Am besten folgt man der Souffleuse, sie ist mit ihrem bunt gemarkerten Textbuch immer dicht am Geschehen.

Neele-Frederike Maak, Stephan Möller-Titel, Johannes Nehlsen und Charlotte Pfeifer spielen die vier namenlosen Figuren. Zuerst sind es keine zusammenhängenden Sätze, eine Geschichte wird nicht erzählt, Beziehungen zwischen den Figuren entwickeln sich erst im weiteren Verlauf, meistens als Dialog. Eine Handlung gibt es nicht, die Themen sind Liebe, Qual, Abhängigkeit und Verlust. Oder die Gier nach Zuneigung. „Es muss aufhören“, schreit Maak und verrenkt sich auf dem kalten Steinboden. Durch das intensive Spiel verliert der kalte Raum an Bedeutung, mehr und mehr kommen die Akteure und Kanes bilderreiche rhythmisierte Sprache in den Fokus.

Ganz nah sind die Zuschauer dabei, wenn die Schauspieler sich ihre Gefühlszustände um die Ohren schlagen. Die vierte Theaterwand existiert nicht, ein Entrinnen ist unmöglich.

Kanes Sprache bekommt in dieser Unterwelt eine gesteigerte Bedeutung, denn Rettung und Tod sind gleich weit entfernt. Sarah Kane selber hat die Kälte der Welt nicht ausgehalten: Im Alter von 28 Jahren nahm sie sich das Leben.

Die Schauspieler geben jeder Figur in diesem postdramatischen Stück eine Stimme, die den Zuschauer mit in ihre Sehnsüchte, Verzweiflung und Psychosen hineinzieht. „Gier“ ist ein herausragender Theaterabend an einem konkreten historischen Ort mit einem vom Realismus gelösten Text. Anstrengend, berührend, aufwühlend. Am Ende der Premiere gibt es einen Wodka für alle. Gegen die Kälte.

Weitere Aufführungen vom 16. bis 19. Juli, jeweils 19 Uhr, Karten unter www.gier-im-bunker.de