Hamburg

Postume Ehrung für György Ligeti

Seine Witwe Vera Ligeti enthüllte im Beisein von Schülern, Weggefährten und Freunden eine Gedenktafel

Hamburg.  Gestern Vormittag kam eine unerwartet große Menschentraube auf dem Bürgersteig vor dem Haus Mövenstraße 3 zusammen, um bei der Enthüllung einer schlichten Gedenktafel für den Komponisten György Ligeti dabei zu sein. Die Plakette wurde an der Fassade des nüchternen, zur Straße hin weiß verputzten 60er-Jahre-Baus in der ruhigen Villenstraße abseits des Leinpfads an der Außenalster angebracht, dem Haus, in dem Ligeti nahezu 30 Jahre lang eine Wohnung unterhielt, von 1973 bis 2002.

Die Zeremonie der Enthüllung ging so ungeheuer schnell, wie manche Notenwerte in Ligetis Kompositionen vorüberhuschen. Eben noch hing da ein schwarzes Tuch über der Tafel, doch ehe man sich’s versah, hatte Vera Ligeti, die Witwe des Komponisten, den Stoff schon weggezogen. Sie war für diese Aktion aus Wien angereist und sagte in ihrem herzerfrischenden Dankeswort: „Wenn der Juri jetzt da wäre, würde er sagen: Zwick mich! Das war immer ein Zeichen für uns, um zu wissen, ob etwas ein Tagtraum ist oder Wirklichkeit.“ Schon früh hätten sie herumgeblödelt, wie das wohl wäre, wenn eines fernen Tages eine Gedenktafel für ihn enthüllt würde oder gleich der Nobelpreis käme. Nur eines hätten sie in ihren Reverien nicht bedacht: „Eine Gedenktafel, die einen verewigt, enthüllen und zugleich dabei sein – dass schließt sich leider absolut aus.“

Doch dafür waren zu Ehren des vor neun Jahren in Wien verstorbenen Komponisten, der von 1973 bis 1989 an der Hochschule für Musik und Theater Komposition lehrte und auch nach seiner Emeritierung nicht von Hamburg lassen mochte, viele Weggefährten und ehemalige Schüler zu dem kleinen Festakt gekommen. Manfred Stahnke begrüßte einige Ligeti-Mitschüler in der Gruppe, darunter Wolfgang-An-dreas Schultz, Georg Hajdu und Xiaojong Shen, und berichtete, dass Ligeti niemals Einzelunterricht in der Hochschule abgehalten habe, sondern stets hier in der Mövenstraße 3, bei sich zu Hause. Die emeritierten Musikwissenschaftler Peter Petersen und Constantin Floros erinnerten an die singuläre Bedeutung Ligetis, an seine Universalität, den hohen Anspruch, den er an alles richtete, und an seine Freundlichkeit. „Die Würde des Menschen war für ihn unantastbar“, sagte Floros, der Ligeti den „vielleicht bedeutendsten Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ nannte.

Die Geschichtsprofessorin Barbara Vogel überbrachte gar Grüße aus Paris vom Ehepaar Denis Evèsque und Agnes Huber-Evèsque, zwei Pianisten. Der Mann leitete von 1990 bis 1996 das Institut Français de Hambourg und ist Widmungsträger einiger Klavierstücke von Ligeti. Des Windes und der vorüberrumpelnden Müllabfuhr nicht achtend, trug die Bratschistin und Hochschulprofessorin Anna Kreetta Gribajcevic zwei wunderschön schräge Sätze aus Ligetis hier entstandener Solosonate für Viola vor.

Die Initiative zur Gedenktafel kam von Peter Hess, der in Hamburg schon mehrere Plaketten für kulturell bedeutende Persönlichkeiten der Stadt angeregt hat. Erst vor drei Wochen hatte die Schriftstellerin Ulla Hahn eine von Hess initiierte Gedenktafel für die Lyrikerin Gertrud Kolmar enthüllt.