Hamburgische Staatsoper

Ballet ist ein Tanz, der tief in die Seele geht

Pas de trois aus
dem Ballett
„Tapestry“ von
Stanton Welch,
mit Tänzern des
Houston Ballet

Pas de trois aus dem Ballett „Tapestry“ von Stanton Welch, mit Tänzern des Houston Ballet

Foto: Houston Ballet

Stanton Welch, Chefchoreograf und Leiter des Houston Ballet, über Kassenmagneten und den täglichen Überlebenskampf.

Hamburg.  Als seine berühmten Eltern Garth Welch und Marilyn Jones noch beide als Erste Solisten in Australien tanzten, da sah Stanton Welch, als kleiner Junge, das Ballett eher von seiner Rückseite, sehr harte Arbeit, die mit Verletzungen und Schmerz verbunden war. Später, als Vater und Mutter mit dem Tanzen aufgehört hatten, saß er öfter im Publikum und verliebte sich unsterblich in den Tanz: „Anfangs wollte ich lieber Schauspieler werden. Aber dann erkannte ich, dass mir der Tanz viel tiefer in die Seele geht.“

Mit 17 Jahren fing er 1986 zu tanzen an, ein Jahr später begann er mit seiner Profi-Ausbildung, und nach einer kurzen solistischen Laufbahn wurde er Choreograf. Seit zwölf Jahren ist Stanton Welch, dieser sympathische, beinahe hemdsärmelige Mann, der mit Papp-Kaffeebecher und im karierten Hemd zum Interview erscheint, Leiter und Chefchoreograf des Houston Ballet. Am heutigen Dienstag und am Mittwoch sind drei kurze Ballette von ihm auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper zu erleben.

Das Houston Ballet mit einer 55-köpfigen Compagnie sei ein bisschen Amerika-untypisch, sagt Welch. Es hat ein breites tänzerisches Spektrum, die Compagnie hat zum Beispiel mit Jiri Kylian und John Neumeier gearbeitet oder Stücke von John Cranko einstudiert. Doch in Nordamerika seien die Ballett-Compagnien normalerweise sehr stolz auf ihre Balanchine-Tradition. „Wir tanzen zwar auch Ballette von George Balanchine. Aber wir sind Geschichten-Erzähler. Das ist in den Vereinigten Staaten unüblich. Und das ist etwas, was wir gut machen und wirklich genießen.“ Während der Proben wollten die Tänzer des Houston Ballet nicht nur Schritte einstudieren, „sondern auch über Charaktere reden, darüber, auf welche Weise man eine Jacke anzieht, über all solche Details. Und sie haben diese amerikanische Energie, diesen Hunger. Das inspiriert mich, denn auch ich liebe es, hart zu arbeiten“. Für die experimentelleren Ballette lädt Stanton Welch regelmäßig zeitgenössische Choreografen ein. Wie überall in Amerika – oft auch in Europa – verkaufen sich die Handlungsballette am besten, aber „Houston ist eine ungewöhnliche Stadt“, findet Welch. „Die Leute dort mögen experimentelle und neue Sachen. Es gibt viel Kreativität in der Stadt. Und die Leute kommen, sie wollen dieses Risiko. Wir veranstalten auch Choreografie-Workshops, an denen sogar viele Frauen teilnehmen. Das macht mich glücklich, denn das Verhältnis sollte ausgewogen sein, und Frauen brauchen da noch Ermutigung. Sie sollten im zeitgenössischen Tanz eine stärkere Stimme haben.“

Im Jahr tanzt seine Compagnie rund 100 Vorstellungen, der Chef hätte gern mehr, und jedes Jahr hat ein abendfüllendes Ballett Premiere. Außerdem gastiert die Compagnie noch im Umland, und dreimal jährlich wird in öffentlichen Parks getanzt, bei freiem Eintritt: „Houston ist eine sehr große Stadt. Solche Auftritte bringen uns ein ganz anderes Publikum, und manchen künftigen Tänzer, denn dort schauen viele Kinder zu, und für viele von ihnen ist das die erste Berührung mit Ballett und mit klassischer Musik.“

Das Houston Ballet bekommt jährlich 5000 Dollar vom Staat, also fast nichts. Alles wird über den Ticketverkauf finanziert, und Stiftungen geben viel Geld. Jedes Jahr zur Adventszeit tanzt die Compagnie rund 37 Nussknacker-Vorstellungen hintereinander, bis zu drei am Tag, und der angegliederte Nussknacker-Weihnachtsmarkt verdient mehr als eine Million Dollar. „Eigentlich fühlt man sich ständig so, dass es ums Überleben geht. Wenn wir keine Karten verkaufen, überstehen wir das nicht. Das macht uns Druck, aber verleiht uns auch diese amerikanische Energie. Alles hat eben zwei Seiten“, sagt er. Im Unterschied zu vielen anderen Ballett-Ensembles sorgt Stanton Welch dafür, dass sich die Niveaus innerhalb der Compagnie nivellieren: „Wir sind sehr sozialistisch! Bei uns tanzen die Ersten Solisten gleichberechtigt neben den Tänzern des Corps de Ballet. Ich glaube an diese Mixtur, denn eine Compagnie sollte ein starkes Team, eine starke Gemeinschaft sein. Es geht nicht um die Stars, sondern darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Deshalb tanzen die Stars auch im Corps de Ballet.“

Auffallend schön und elaboriert sind seine Pas de deux: „Ja, ich liebe das. In den Pas de deux wird eine sehr schöne Chemie möglich, weil sie auf Vertrauen und Einfühlung aufbauen. Es sind die Fehler, die hier den Weg weisen. Weil man etwas ausprobiert auf unterschiedliche Weise.“ Drei Stücke von ihm werden in Hamburg gezeigt: „Tapestry“ hat Welch für genau diese in Hamburg auftretenden Tänzer choreografiert. „Hier habe ich versucht, den Geist Mozarts einzufangen. Auch seinen Sinn für Humor, die Freude.“ In dem Stück „Maninyas“ geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, um die vielen Schichten, die man aneinander wahrnimmt, beängstigend und aufregend. Und „Velocity“ ist „eine augenzwinkernde Reflektion berühmter Ballette, aber es geht auch um Bewegungsgeschwindigkeit. Wenn alle Tänzer zusammenkommen, wird das Stück zu einem High-Energy-Ballet“, sagt Stanton Welch. „Dem Ganzen lag die Idee eines Schmetterlings zugrunde, der ja oft versucht, so hoch wie möglich zu fliegen.“

Houston Ballet „Tapestry“, „Maninyas“, „Velocity“, 7./8.7., jeweils 19.30 Uhr, Hamburgische Staatsoper. Karten: 35 68 68.