Medienkünstlerin

Lynn Hershman Leeson ist eine radikale Frau

Lynn Hershman Leeson, aus der Serie „Phantom Limb“ von 1987, Silbergelatineabzug auf Hadernpapier

Lynn Hershman Leeson, aus der Serie „Phantom Limb“ von 1987, Silbergelatineabzug auf Hadernpapier

Foto: 1996-98 AccuSoft Inc., All right / Lynn Hershman Leeson© Lynn Hershman Leeson

In der Sammlung Falckenberg sprengt Medienkünstlerin Lynn Hershman Leeson die Grenzen zwischen Mensch und Technik.

Harburg.  In der Sammlung Falckenberg zielt eine echte Waffe auf den Körper einer schießenden Frau. Dieselbe Waffe ziert die Website der amerikanischen Künstlerin Lynn Hershman Leeson: Ja, diese Frau wehrt sich, aber sie behält dabei ihren skurrilen Humor. Oft dreht sie die Dinge ins Gegenteil um, macht aus Opfern Täter, aus Subjekten Objekte und aus Männern und Frauen zwitterhafte „Hero-Sandwiches“. Lynn Hershman Leeson, Jahrgang 1941, gilt als Pionierin der Medien- und der interaktiven Kunst, sie hat vieles vor­weg­genommen, was erst weit später im Strom der zeitgenössischen Kunst auftauchte. In der Sammlung Falckenberg ist jetzt eine große, sehr sehenswerte Retrospektive von ihr zu sehen.

In den 1960er-Jahren war das Leben für freiheitsliebende Frauen wie sie, und noch mehr für Künstlerinnen, weit schwieriger als heute. Es gab noch viele Reglementierungen, und weibliche Künstler wurden nicht ernst genommen. Aber auch für die Gegenwart fällt ihre Diagnose nicht gnädig aus: „Wir leben in einer gewalttätigen Gesellschaft. Auch das Schweigen und Ignorieren zählt zur Gewalt.“ Schweigen wollte Lynn Hershman Leeson nie. Sie wollte sich äußern und erfand Apparate, Filme, körperhafte Objekte und Installationen, um für das, was sie um sich herum wahrnahm, beunruhigende Bilder, Spiele und Szenen zu ersinnen, die an den Kern dessen rühren, worum es ihr geht.

Ein bisschen geisterhaft schwebt die große, schwarz gewandete Frau auf den leisen Sohlen ihrer violetten Schuhe durch die Hallen. Das Unheimliche, das man in ihren Arbeiten hin und wieder aufspürt, muss etwas mit ihrem Leben zu tun haben. Was, bleibt ihr Geheimnis. Vermutlich war es Lynn Hershman Leeson, die den ersten Avatar, die erste künstliche Persönlichkeit erfand, die vom Bildschirm mit ihren Betrachtern kommuniziert: „Lorna“, Vorläufer eines interaktiven Computerspiels, stammt von 1983.

Als Lynn Hershman Ende der 1950er Jahre anfing, Kunst zu machen, gab es so gut wie keine öffentliche Wahrnehmung von Künstlerinnen. Und was sie tat, war sehr radikal. In ihrer Kunst beendete sie auf vielerlei Weise das Dasein der Frau als Objekt und verwandelte es in offensives Handeln. In der Ausstellung darf man beispielsweise seinen voyeuristischen Gelüsten frönen: Durch ein Sehrohr sieht man im Film eine leicht bekleidete Frau, und man erwartet, dass sie sich ausziehen wird. Mit ihrer erotischen Stimme herrscht sie stattdessen den Voyeur an, der sein eigenes Auge vergrößert an der Rückwand erkennt. Vieles hier hat mit Macht und deren Zerfall zu tun, auch die interaktive Installation „Lorna“, in der der Betrachter mittels eines Fernsehers über das Schicksal einer Frau namens Lorna bestimmen kann. Heute würde man diese Arbeit zwischen Skulptur, Medien-, Game-Art und Installation ansiedeln, „damals wusste niemand, was das sein sollte. Dabei ging es um die Erweiterung von Skulptur“, sagt Hershman. Dass es außerdem um Machtspiele auf Kosten einer Frau geht, darüber schweigt sie sich aus, wie sie überhaupt so tief in ihrer Kunst verwurzelt ist, dass sie der Reporterin eher Stichworte oder Kommentare zuwirft.

Zu ihrem komplexen, wissenschaftskritischen Gesamtwerk gehören auch einige wichtige Filme: „Women Art Revolution“ (2011) drehte sie zur „Selbstermächtigung für Frauen“, er wurde weltweit auf Festivals gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet. Ihre vielleicht extremsten Arbeiten sind im Obergeschoss zu sehen, die so genannten „Breathing Machines“, „atmende“ Maschinen. Sie stammen aus den 1960er-Jahren und haben mit Sicherheit zum Ruhm der Künstlerin beigetragen. Weil sie keinen Ausstellungsraum fand, bespielte sie als junge Künstlerin nämlich nicht nur leere Schaufenster, sondern mietete sich mit ihrer Freundin Eleanor Coppola (genau, die Frau von Francis Ford) ein Hotelzimmer und vermittelte den Schlüssel über Zeitungsanzeigen. Im dämmrigen Zimmer sah man sich konfrontiert mit zwei weiblichen Puppen und ihren flach auf den Kopfkissen liegenden wächsernen Gesichtern. Ein verstecktes Tonband sandte ruhige Atemzüge in den Raum. Eine tiefenpsychologisch sehr beunruhigende Arbeit, die tote Materie mit der Idee des Lebendigen verknüpfte.

In ihrem berühmtesten Projekt schuf sich die Künstlerin eine zweite Identität

Ähnliche „Breathing Machines“, allerdings nur die Köpfe, kann man jetzt in der Sammlung Falckenberg erleben. Manche von ihnen sprechen den Besucher an: Wer bist Du? Warum guckst Du mich an? Es ging der Künstlerin damals darum, den Ungehörten „eine Stimme zu geben“, sagt sie. „Ein paar von ihnen atmen, andere lachen, und alle träumen davon, auszubrechen.“

Ihr berühmtestes und radikalstes Experiment startete Lynn Hershman Leeson 1972 mit sich selbst: Sie schuf sich eine zweite Identität, nannte sich Roberta Breitmore und lebte fünf Jahre lang zwei Leben. Roberta hatte einen eigenen Bibliotheksausweis, Kreditkarte, eine eigene Wohnung. „Ich wollte herausfinden und darstellen, was alleinstehende Frauen durchmachen. Es war absolut riskant. Ich wurde sogar gefragt, ob ich als Prostituierte arbeiten möchte. Nichts war arrangiert, nichts geplant, ich selbst wurde zum Spiegel, zu einem Reflektor der Gesellschaft.“ Eine schwache Ahnung davon, was sie damals gewagt hat, vermitteln die vielen Exponate rund um Roberta. Sogar die Kostümjacke, die sie damals trug, ist da, in einer Vitrine, und nur ein bisschen verblichen.

Ausstellung Lynn Hershman Leeson bis 15.11. Sammlung Falckenberg, Wilstorfer Str. 71, Harburg. Öffnungszeiten: Do und Fr, 18.00, Sa, 12 und 15.00, So, 12, 15 und 17.00, Anmeldung ist erforderlich unter www.deichtorhallen.de/fuehrungen. Neue E-Mail-
Adresse: sammlungfalckenberg@deichtorhallen.de, Telefon: 040-32 50 67 62