Buena Vista Social Club

Auf eine Zigarre mit Lady Salsa im St. Pauli Theater

Nur für den Fotografen greift Siomara Valdes zur Havanna, steht der kubanische Rum auf der Bühne des St. Pauli Theaters

Nur für den Fotografen greift Siomara Valdes zur Havanna, steht der kubanische Rum auf der Bühne des St. Pauli Theaters

Foto: Marcelo Hernandez

Siomara Valdes ist eine der letzten ihrer Generation aus dem Buena Vista Social Club. Bis 12. Juli spielt sie im St. Pauli Theater.

Hamburg.  Nein, das rote Glitzerjackett will Siomara Valdes Lescay nicht anziehen für den Fototermin. Lieber das blaue Glamour-Outfit, das ist bequemer. Für den Fotografen raucht die Diva, die in der „Lady ­Salsa“-Show noch bis zum 12. Juli im St. Pauli Theater auftritt, sogar eine Havanna-Zigarre und strahlt ihn siegesgewiss an. „Sonst mache ich das nicht“, sagt sie hinterher, fast ein bisschen moralisch. „Ich rauche nicht, und ich trinke nicht. Sonst könnte ich nicht mehr singen. Ich bin 78 Jahre alt!“

Zwar wirkt die Frau mit dem kehligen Lachen im Gespräch deutlich jünger, doch Siomara Valdes, mit mehrfach verschlungenem Turban auf dem mächtigen Schädel, hat Kuba noch in den 1950er-Jahren als Musik- und ­Cabaret-Paradies erlebt. Damals, als die Amerikaner auf der Insel ein- und ausgingen. Dann kam die Revolution und danach war das Land über Jahrzehnte ziemlich abgeschnitten von westlichen Einflüssen.

Siomara Valdes ist eine der letzten ihrer Generation, neben der 84 Jahre alten, international berühmteren Omara Portuondo aus dem Buena Vista ­Social Club, mit der sie viele Jahre gemeinsam auftrat. Mit dem Baseball-Spieler Changa war sie verheiratet und hat einen Sohn („Noch mehr Kinder und ich wäre verrückt geworden!“), doch sonst stand im Leben von Siomara Valdez die Musik an erster Stelle. So sehr, dass sie ihr Studium in Ökonomie zwar abschloss, aber fortan nur noch sang, seit nunmehr 56 Jahren. Erst beim Radio, in der Sendung des Salsa-Superstars Celia Cruz. Dann mit dem Trio Las Tropicals, später im berühmten Cuarteto D’Aida sowie in diversen anderen Formationen und jetzt, sehr viel später und seit nunmehr 14 Jahren, mit der Altmänner-Truppe The Bar at Buena Vista.

Ob Salsa, Cha-Cha-Cha, Son: Diese Frau hat die Musik im Blut, seit sie als kleines Mädchen in der Nonnenschule mit dem Singen begann „Zu Hause haben wir immer viel zusammen gesungen, mein Bruder und ich haben sonntags eigene Konzerte gegeben“, erinnert sie sich.

Als Siomara Valdes anfing, öffentlich aufzutreten, sang sie im Club ­Morocco in Havanna, und immer wieder sah sie einen weißbärtigen Mann draußen vorbeischlurfen. „Er trug Pantoffeln! Es war Ernest Hemingway. ­Jeden Tag ging er in eine bestimmte Bar, die es noch heute gibt, und von dort ins Floridita, wo er von seinem Stammplatz aus einen Daiquiri bestellte. Er war immer allein unterwegs. Wo war nur seine Frau? Ich werde das nie vergessen. Ich habe ihn oft gesehen, und immer wenn er vorbeikam, hörten wir auf zu üben.“

Damals, als für sie alles so vielversprechend begann, war Kuba ein Paradies des Tanzes, der Musik und des Flirts – bis die Revolution nicht nur die Amerikaner vertrieb, sondern auch so wichtige Plattenfirmen wie RCA Victor, auf die viele Künstler, auch Siomara Valdes, große Hoffnung gesetzt hatten. Die Salsa-Lady erzählt das einigermaßen nüchtern, aber man spürt, wie sie dieses Thema auch Jahrzehnte später noch beschäftigt: „Wir haben sehr lange Musik gemacht, ohne Platten aufnehmen zu können. Mal gucken, ob wir jetzt mehr Glück haben.“

Die Tradition des Salsa-Gesangs und des -Tanzes ist in ihrer Heimat, die sich inzwischen vorsichtig den USA öffnet, noch immer ungebrochen. „Es gibt viele junge Frauen, die so singen wie ich“, sagt Siomara Valdes. Mittlerweile tritt sie wieder regelmäßig öffentlich auf, drei, viermal in der Woche, um
legendäre Volkslieder zu singen, „und daraus machen all die dort singenden Alten irgendwann immer eine Salsa“. Die, erzählt Siomara, sei in Kuba nach wie vor so populär, dass praktisch jeder singe, und jedes Lied ende irgendwann im Tanz. „Son, Salsa, das lieben die Kubaner. Wir vergessen alles Schlimme, das wir durchlebt haben, wenn wir tanzen“, sagt sie. „Die Musik und der Tanz setzen Kräfte frei.“ Man könne sich als Außenstehender nicht vorstellen, was es bedeute, in einem Land zu leben, das total blockiert sei, fügt sie noch hinzu.

Aber aus diesem ihrem Heimatland ist Siomara Valdez auch immer wieder herausgekommen. Schon früh tourte sie durchs sozialistische Ausland, schon in den 1960er-Jahren trat sie in der damaligen DDR auf.

Wie sie ihre Zeit vor den Abendvorstellungen im kalten Hamburg ­verbringt, das mag sie nicht erzählen, das ist ihr zu privat. Nur dass sie nicht viel hinausgeht, sagt sie, denn „ich bin hier, um zu arbeiten“. Vielleicht ist es so simpel: Siomara Valdes bleibt lieber im Hotelzimmer, um sich draußen im kühlen Hamburger Sommer keinen Schnupfen einzufangen. Für eine Sängerin wie sie, die jeden Abend auf der Bühne stehen muss, wäre das ja auch eine Katastrophe.

„Lady Salsa“ noch bis 12.7. im St. Pauli Theater, Karten von 18,90 bis 56,90 unter T. 30 30 98 98