Hamburg

Eine Fete nur mit Hits

Das schwedische Duo Roxette begeisterte in der O2 World 7000 Fans mit ihren eingängigen Powerpop-Songs und Balladen

Hamburg.  Inbrünstig greift sie sich an die Brust, die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz und den Lederbändern am Handgelenk. Mitten in der O2 World steht sie da. Zwischen 7000 weiteren Fans. Sie singt, spielt versonnen ein wenig Luftgitarre und umarmt immer wieder ihre Freunde um sie herum. Vorn auf der Bühne spielt Roxette gerade die Über-Kuschelrocknummer „Spending My Tim­e“. Und wer weiß, an welche früheren Feten, an welche emotionalen Ereignisse die Clique gerade durch dieses Live-Erlebnis erinnert wird. Denn selbst wer in den 1990er-Jahren kein expliziter Roxette-Anhänger war, hat doch gewiss zu den vielen Hits des schwedischen Duos eng getanzt, gefeiert – ja, gefühlt.

Dass sie mit Alben wie „Look Sharp!“ und „Joyride“ den ultimativen Soundtrack zu den späten 80ern und frühen 90ern lieferten, daraus macht Roxette bei ihrer 30-Jahre-Jubiläumstour keinen Hehl. Zur Dekoration hängen hinter der Band überdimensionale Lamellen-Jalousien herab, wie sie damals auch in den Kitsch-Postern der „Bravo“ üblich waren. Das Publikum jedoch hat diese Ära optisch hinter sich gelassen. Statt eckigem Schulterpolster-Look herrscht bequeme Freizeitkleidung vor, hier und da mit ein wenig Glitzer aufgepeppt. Dezenz ist in diesem Fall Stärke. Denn bei diesem Konzertabend geht es eher um eine innere Reise. Darum, sich mit der Musik ein Stück weit in die Vergangenheit zu träumen. Und diese Verjüngungskur ist an diesem Abend ein Gemeinschaftsprojekt, das die Fans mit großer Präsenz und Hingabe realisieren.

Ein einziges großes „Wow“ durchfährt die Halle, als die ersten Akkorde der Eröffnungsnummer „Sleeping In My Car“ erklingen. Marie Fredriksson singt krankheitsbedingt im Sitzen. Kerzengerade thront die 57-Jährige auf ihrem Stuhl, die Beine elegant übereinander geschlagen. Ihre schwarze Glitzerjacke funkelt im Scheinwerferlicht. Wie eine Königin des Pop, die würdevoll Hof hält. Das Haar trägt sie nach wie vor platinblond, kurz und zurückgestylt.

Als wolle er sich für sie mitbewegen, springt Roxette-Mastermind Per Gessle, Jahrgang 1959, wie ein Jungspund auf und ab. Und seine halblangen braunen Haare federn mit. Er rennt die Bühnenrampe entlang, kickt ein Bein nach vorn, breitet die Arme aus und zeigt euphorisch gen Himmel. Popstar-Gesten, die bei Gessle jedoch aus der Euphorie heraus geboren sind, nicht aus dem Klischee. So wie auch die fünfköpfige Band samt Background-Sängerin keineswegs bloß aus Pflichterfüllung spielt, sondern sich mit sichtlichem Spaß an der Sache reinhängt. Da darf der Gitarrist, der aussieht wie aus einer schwedischen Metalband, beherzt ein paar Soli gniedeln. Und da werden Witze über Bassist Magnus gerissen, der – wie Gessle betont – „ein durchschnittlicher mittelalter schwedischer Mann“ sei, der seine Haare verliere und Volvo fahre. Ein familiäres Flair, in dem alle vor allem auch über sich selbst lachen können.

„Singt bitte mit, wenn ihr die Texte kennt“, fordert Fredriksson die Menge freundlich auf. Kein Problem. Denn Roxette hat einfach ein unverschämt gutes Gespür für griffige Refrains, für eingängige Melodien, also für Ohrwürmer, die ihr Erscheinungsdatum weit überdauern, die sich für Dekaden ins kollektive Pop-Gedächtnis eingeschrieben haben und dort sofort abrufbar sind. Mit der Ballade „The Heart Shaped Sea“ vom Album „Tourism“, die in Australien geschrieben und in Los Angeles aufgenommen wurde, präsentiert sich das Duo als Weltbürger. Denn ihre Songs mögen mittlerweile Formatradiofutter sein, piefig und provinziell sind sie nicht.

Besonders bewegend gerät während der gut anderthalbstündigen Show „Watercolours In The Rain“, das Fredriksson lediglich zu Pianobegleitung singt. Ihre Stimme hat nicht mehr die durchdringende Kraft wie vor 20 Jahren, hat aber eine neue Qualität gewonnen. Erfahren klingt sie, dunkel, verletzlich, berührend. Das Publikum stimmt „Marie“-Sprechchöre an, will gar nicht aufhören zu klatschen.

Ein weiterer Höhepunkt ist „It Must Have Been Love“, die Schmacht- und Knutschhymne aus dem „Pretty Woman“-Soundtrack von 1990. Dem großen Märchen der Vorfinanzkrisenzeiten. Als die Kinowelt noch an Millionäre glaubte und Cinderella-Träume hatte. Die Band stimmt nur wenige Akkorde an und hört dann auf zu spielen, weil die gesamte Halle mitsingt. Schön und schwelgerisch. Gänsehaut.

Roxette macht Musik, auf die jeder, wirklich jeder, tanzen kann

Die Band entfesselt in der nur locker gefüllten Arena eine Stimmung, die sich irgendwo zwischen Partykeller, Abi-Abschlussball und Stadion bewegt. Denn Roxette macht Musik, auf die jeder, wirklich jeder, tanzen kann. Ob nun hüpfend oder headbangend, ob schunkelnd, schwofend oder im Disco-Seitenschritt. Dabei verzichtet das Duo auf viel Klimbim. Zu dem Überhit „Joyride“ gibt es ein paar Kirmes-Projektionen und ansonsten gute alte bunte Luftballons.

Die Zugaben „The Look“ und „Listen To Your Hear­t“­­ werden von vielen nahezu mitgeschrien, vor allem das markante „Na na na na na“ in Wiederholungsschleife. Und als sich Fredriksson dann zum Schluss bei Gessle einhakt und ganz langsam von der Bühne schreitet, kennt der Jubel kein Halten mehr. Ein nostalgischer, zugleich frischer – ein toller Abend.