Hamburgische Staatsoper

Simone Young geht: Große Gefühle zum Finale

Hamburgs scheidende Opernintendantin und Generalmusikdirektorin Simone Young
wird künftig als freie Dirigentin arbeiten

Hamburgs scheidende Opernintendantin und Generalmusikdirektorin Simone Young wird künftig als freie Dirigentin arbeiten

Foto: dpa

Die Generalmusikdirektorin verabschiedete sich mit einem exemplarischen „Simon Boccanegra". Die Aufführung war gelungen.

Hamburg. Es war eine Abschiedsvorstellung nach Maß: Für ihr Adieu vom Orchestergraben der Hamburgischen Staatsoper am Sonntag hatte Simone Young eines ihrer erklärten Lieblingsstücke aus dem Opernrepertoire ausgewählt, Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“. Jenes Werk, das sie als Halbwüchsige in Australien als allererstes auf einer Opernbühne erlebte und das sie gleich nach ihrem Amtsantritt in Hamburg in einer Neuinszenierung auf den Spielplan gesetzt hatte. Die leise Enttäuschung darüber, dass Plácido Domingo seine für Anfang Juni geplanten beiden Gastauftritte in der Titelrolle aus familiären Gründen abgesagt hatte, schien längst verwunden.

Und das Philharmonische Staatsorchester tat alles, um der scheidenden Chefin den Abgang, ja, was? Zu versüßen? Oder schwer zu machen? Jedenfalls spielten die Philharmoniker Verdis packende, erzählende, dramatisch in jedem Takt schlüssige Musik mit einem Höchstmaß an Genauigkeit, Hingabe und Klangkultur. An diesem Abend gelang den Musikern das Kunststück, ihren Routineeinsatz im Graben zu einer kleinen Sternstunde der Orchestergeschichte zu veredeln. Im nahezu ausverkauften Haus lösten sie so für alle hörbar Youngs Versicherung ein, sie übergebe ihrem Nachfolger ein bestens aufgestelltes Orchester.

Claus Guths Inszenierung, die im Februar 2006 ihre Premiere erlebte, hat mit ihrer ebenso klugen wie klaren Erzählweise und den einprägsamen Bildern dem Test der Zeit bestens standgehalten. Gleiches lässt sich von der Stimme Sir Jon Tomlinsons leider nicht sagen. Der britische Bass, der vor neun Jahren hier den Fiesco sang, geriet mit seinen 68 Jahren bei manchen Tönen der schweren Partie merklich ins Schlingern, verkörperte aber seine komplex gearbeitete Figur mit Würde. Die übrigen Sänger – George Gagnidze als Simon Boccanegra, Robert Bork als der Übeltäter Paolo, Giuseppe Filianoti mit seinem feinen, strahlkräftigen, wendigen Tenor als Gabriele Adorno und Barbara Frittoli mit manchem etwas zu grellen Spitzenton als Amelia – waren in bestechender Form.

Doch so gelungen, ja exemplarisch die Aufführung war – sie war eben auch die letzte, die Simone Young als Intendantin und Hamburgische Generalmusikdirektorin dirigierte. Deshalb hielt es niemanden lange auf seinem Sitz, als die Sänger sie zum Schlussapplaus auf die Bühne holten. Nach den Standing ovations oblag es dem Direktor und Geschäftsführer der Staatsoper, Detlef Meierjohann, einem Mann der Zahlen durch und durch, Simone Young zum Abschied einen Kranz der Worte zu winden. „Die Statistik der Dramaturgie weist an diesem Abend Ihr 466. Dirigat aus“, rechnete er vor. „Eine stattliche Zahl, die für sich spricht und an der man ablesen kann, mit welchem persönlichen Einsatz Sie allein diesen Teil Ihrer Aufgabe hier in Hamburg wahrgenommen haben. Ganz zu schweigen von den vielfältigen Aufgaben, die mit dem Amt der Opernintendantin und der Leitung eines großen Kunst- und Kulturbetriebes verbunden waren.“

Meierjohann dankte Young für „manchmal provozierende, mal melancholische, mal unterhaltend-heitere, aber immer durchweg spannende und anregende Opernabende“ und rühmte ihre Fähigkeit zur Teambildung innerhalb des Hauses. Dass Intendantin und Direktor über all die Jahre beim Sie blieben, darf in dieser Branche verwundern. Kühles Hanseatentum kam auch in Meierjohanns abwägenden Worten zum Ausdruck, mit denen er seine Gefühle sorgsam verbarg: „Manchmal hat so ein Abschied etwas Befreiendes, manchmal aber auch etwas Wehmütiges, in jedem Fall bedeutet er für jeden, der davon betroffen ist, eine Zäsur, die so oder so Gefühle berührt.“

Ihren Gefühlen freien Lauf ließen dann in den Foyers der Staatsoper Gäste der Vorstellung, Mitwirkende und Mitarbeiter des Hauses. Bei freiem Sekt für alle stieß man auf die Vergangenheit oder Zukunft an, Solisten und Chorsänger intonierten ein letztes, vielstimmiges Lied für die Chefin, und Simone Young, sonst beim Fotografiertwerden überaus krüsch, musste erdulden, dass sie ins Blitzlichtgewitter unzähliger Smartphones geriet.

Ihrer Freude und Gelöstheit tat dies keinen Abbruch. Mit großem Vergnügen schnitt sie eine gewaltige, mit weißer Creme bedeckte Torte an, auf die der Konditor die Anfangszeilen eines Liedes aus einem britischen Musical-Film von 1943 appliziert hatte: „We’ll meet again / I don’t know where don’t know when / but I know we’ll meet again / some sunny day“. Dramaturgin Kerstin Schüssler-Bach gab der Hoffnung Ausdruck, dass dies Versprechen sich bald einlösen werde.