Scheessel

Begeisterung kennt kein Alter

Beim Hurricane Festival in Scheeßel wurde generationenübergreifend gefeiert. Ü20-Hip-Hopper trafen auf Ü60-Punks – und verstanden sich bestens

Scheessel.  Kennt Rock ’n’ Roll so etwas wie Alter? Wer beim Hurri­cane Festival 2015 drei Tage und Nächte lang feierte und fachsimpelte, hörte und staunte, der muss diese Frage ganz klar mit Nein beantworten.

„Broken“ steht auf dem Shirt von Lagwagon-Sänger Joey Cape. Gebrochen, beschädigt, aber nicht kaputt zu kriegen. Seit 1990 fabrizieren die Kalifornier ihren melancholischen Punkrock. Zu diesem Zeitpunkt waren viele der jungen Festivalgänger nicht einmal in Planung. Und doch bejubeln da Mädchen mit „Abi 2013“-Pullis den inbrünstigen Auftritt der Band, als handele es sich um ihre Teenie-Lieblingsband.

Das ist seit Jahrzehnten das Faszinierende an einem großen, reizüberflutenden Happening wie dem Hurricane, bei dem in diesem Jahr rund 65.000 Fans zusammenkamen: Es geht um die Gefühle, die freigesetzt werden. Ob nun mit D-Mark gezahlt wird, mit Euro oder – 2015 ganz neu – bargeldlos mit einem Chip. Ob – wie Ende der 90er-Jahre – der Manta-Teller aus Pommes und Wurst die Grundlage bildet oder – wie jetzt – Foodtrucks vegane Speisen oder Erlesenes wie Lachs-Döner anbieten. Jede Generation der Festival-Gänger kann, darf, ja muss es neu für sich entdecken und erfinden, dieses ganz besondere Erlebnis aus Sound und Schlafentzug, Ekstase und Gemeinschaft. Einmal ist immer das erste Mal. Das erste Mal die Zahnbürste im Schlamm versenken. Das erste Mal eine Bierdusche in der Menge nehmen.

Lernen lässt sich Festival in Scheeßel nicht nur von Party-Garanten wie den Hip-Hoppern Jan Delay und Marteria oder von Hochgeschwindigkeitsmetallern wie Suicidal Tendencies, sondern auch von einer Band wie Placebo, die seit mehr als 20 Jahren ihren getragenen Power-Poprock über Festivalwiesen rund um den Erdball schickt. Mit düsterer Kraft entsendet Sänger Brian Molko seinen Gesang in die Nacht. Der Regen lädt das Geschehen mystisch auf. Die Menge trotzt dem Nass ganz norddeutsch in Capes und Ölzeug. Sich aneinander wärmend, dicht gedrängt wie die Pinguine. Die Musik fährt in die Magengrube, der Streichersound zieht an der Seele, sodass das Leben auf einmal größer, dramatischer wirkt. Und nach der Zugabe, einem grandiosen, bass-wummernden Cover von Kate Bushs „Running Up That Hill“ bedankt sich die Band überschwänglich bei all denen, die im strömenden Regen ihre Energie Richtung Bühne geschickt haben.

Auch zahlreiche Fans jenseits der 40, 50, 60 sind an den Eichenring gereist

Festival, das ist immer auch der ultimative Austausch zwischen Künstler und Fans. Ein Wechselspiel der Gefühle. Und egal wie alt die Musiker sind und egal wie jung die Fans, diese ganz besondere magische Beziehung gilt es immer wieder aufs Neue zu erschaffen. Das ist auch der Grund, warum das Format Festival nie langweilig wird. Warum auch zahlreiche Besucher jenseits der 40, 50, 60 voller Enthusiasmus an den Eichenring reisen. Um sich mit möglichst vielen der 100 Bands zu verbinden, um etwa zu den Songs der Synthiepopper Future Islands zu tanzen oder die Electro-Folk-Nummern von Milky Chance mitzusingen.

„Hier oben kommt ganz viel Liebe an. Von rechts aber auch Wut. Und von links skeptische Blicke“, ruft Paul Pötsch von der Hauptbühne, die er mit seiner Rockband Trümmer am Sonnabend eröffnet. „All das wollen wir in Liebe verwandeln“, sagt er und schickt noch hinterher: „12 Uhr – Zeit für Punkrock“. Festival kennt eben auch keine Uhrzeit. Und ist zudem nicht ausschließlich „Urlaub fürs Gehirn“, wie die subversiven Rapper von K.I.Z. später skandieren.

Die Hamburger Hip-Hopper Neonschwarz etwa zeigen politisch Flagge, hissen ein „Refugees welcome“-Banner und kritisieren mit ihrer Nummer „2014“ ganz eindeutig Fremdenfeindlichkeit. Und die Anhänger singen die Verse textsicher mit. Auch den kleinen, feinen Hit „On A Journey“. Das Festival, eine Reise. Und am meisten erlebt, wer die Sinne aufschaltet und sich zugleich dem Fluss hingibt. So lassen sich äußerst unterschiedliche Gefilde und Persönlichkeiten kennenlernen.

Den ernsthaften wie erdigen Hip-Hopper Kontra K aus Berlin etwa, der in seiner Bodenständigkeit extrem viele junge Fans anspricht. „Erfolg ist kein Glück, / sondern nur das Ergebnis von Blut, Schweiß und Tränen“ rappt er von einer der Hurricane-Bühnen. Das Gebäude, das der 27-Jährige mit dieser „Schaffe, schaffe, Häusle baue“-Attitüde mental errichtet, wird jedoch kurz darauf von Die Antwoord äußerst munter wieder eingerissen.

Bei Die Antwoord aus Südafrika gibt’s dröhnenden Sprechgesang

Das südafrikanische Duo zelebriert mit seinem wüsten Rave eine Art degenerierten Kindergeburtstag. Rapperin Yo-Landi mit ihrer Micky-Maus-Stimme und ihr Kompagnon Ninja mit seinem dröhnenden Sprechgesang feiern aufs Schönste das Hässliche. Handbemalte Shirts und Vokuhila-Frisuren grandios neben der Spur. Ein Spiel der Rollen und Zeichen. Bis sich Ninja mit seinem von Tattoos übersäten Körper in die Menge wirft, sich auf Händen tragen und mit Bier übergießen lässt. Mehr Verbindung geht nicht.

Dass dieser Crowdsurfer bereits über 40 ist? Total egal.