Harvestehude

Späte Hommage an eine bedeutende Dichterin

Die  Hamburger Schriftstellerin Ulla Hahn s neben der Gedenktafel für die Dichterin Gertrud Kolmar

Die Hamburger Schriftstellerin Ulla Hahn s neben der Gedenktafel für die Dichterin Gertrud Kolmar

Foto: Christian Charisius / dpa

Am Freitag enthüllte Ulla Hahn in Harvestehude eine Gedenktafel, die an die jüdische Lyrikerin Gertrud Kolmar erinnert.

Hamburg. Nicht viel mehr als ein halbes Jahr hat Gertrud Kolmar 1926/27 in Hamburg gelebt, doch es muss eine glückliche Zeit gewesen sein. „Als sie die lange steinerne Brücke betraten, /Riss Sonne den Nebel von sich wie ein Gewand/ Und die Stadt stieg auf, schräg hinter dem breiten Becken des Flusses ...“, schrieb die jüdische Dichterin später in ihrem langen Gedicht „Die Stadt“, mit dem sie Hamburg ein literarisches Denkmal setzte.

Am Freitagvormittag stand Ulla Hahn vor etwa zwei Dutzend Freunden und Literaturinteressierten auf dem Fußweg vor dem neoklassizistischen Wohnhaus am Frauenthal Nummer 13 und trug lange Passagen aus Kolmars Hamburg-Gedicht vor. Unmittelbar davor hatte sie gemeinsam mit Peter Hess, der in Hamburg das „Stolperstein“-Projekt betreut, eine Gedenktafel an Gertrud Kolmars kurzzeitigem Hamburger Wohnhaus enthüllt. Peter Hess war durch Ulla Hahns 2009 bei Felix Jud verlegtes Büchlein „Alsterlust“ auf Gertrud Kolmar aufmerksam geworden. Darin spürt sie Dichterorten im Umkreis des Flusses nach und bemängelt im abschließenden Satz: „Nur von Gertrud findet man keine Spur. Bis zur nächsten ,Alsterlust‘ sollte sich das ändern.“

Das ist nun geschehen, seit Freitag gibt es in Hamburg eine Tafel, die an die bemerkenswerte Dichterin erinnert, die 1894 in Berlin als Gertrud Käthe Chodziesner geboren wurde. Mit ihrem Cousin Walter Benjamin stand die junge Frau, die eine Ausbildung als Erzieherin und Sprachlehrerin absolvierte, in regem Briefkontakt. Für ihre literarische Laufbahn, die 1917 mit der Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes begann, wählte sie das Pseudonym Gertrud Kolmar. Für ihre letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten, den 1938 erschienenen Lyrikband „Die Frau und die Tiere“ verboten ihr die Nationalsozialisten bereits den Künstlernamen. Wenig später wurde das Buch beschlagnahmt und die gesamte Auflage eingestampft. Um den Vater zu pflegen, hatte Kolmar auf die Emigration verzichtet. Nach dem Novemberpogrom von 1938 musste sie in ein „Judenhaus“ in Berlin-Schöneberg umziehen. Am 2. März 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert, danach verliert sich ihre Spur. Wahrscheinlich hat man sie noch im März 1943 ermordet.

Die Hamburger Dichterin Ulla Hahn setzt sich seit Langem für Gertrud Kolmars Werk ein. „Sie ist eine bedeutende Dichterin, die ich Ende der Siebzigerjahre entdeckt habe. Ich habe dann viel getan, um sie bekannt zu machen, u. a. durch eine Ausgabe ihrer Gedichte in der Bibliothek Suhrkamp Anfang der Achtzigerjahre“, sagte Hahn, die zuletzt 2014 bei Reclam einen Band mit den schönsten Liebesgedichten her­ausgegeben hat.

Der Weg, den Gertrud Kolmar in dem Gedicht „Die Stadt“ beschreibt, hat sich übrigens kaum verändert. „Er führt an der Alster entlang in die Innenstadt, ganz so wie wir ihn heute, nach nahezu hundert Jahren, noch genießen können“, sagte Ulla Hahn.