Hamburg

Beichtvater des Boulevard

Deutschlands bekanntester Klatschreporter, Paul Sahner, starb überraschend im Alter von 70 Jahren

Hamburg.  Möglicherweise lag es an seiner sanft einschmeichelnden, ruhigen, sonoren Chansonstimme, die wehrlos machte. Paul Sahner, Deutschlands berühmtester Klatschreporter, Verkörperung des Glamour-Journalisten, von der „taz“ auch mal als „Gottvater der Intimbeichte“ tituliert, hat jeden, wirklich jeden Promi zum Reden bekommen. Er konnte Menschen dazu bringen, etwas zu tun und zu sagen, das sie vorher nicht tun wollten. Darin lag seine Kunst. Alle hat er gehabt. Vor seinem Mikrofon, das er nach seiner eigenen Interviewregel stets unsichtbar beim Gespräch herumliegen ließ. Niemals dürfe man auf einem Block mitschreiben, war eine weitere seiner Regeln. Dann nämlich würde sich ihm kein Gesprächspartner vertrauensvoll zuwenden, wie es so viele getan haben. Der Dalai Lama, Muhammad Ali, Jack Nicholson, Karl Lagerfeld, Martin Walser und Reich-Ranicki, aber vor allem die Reichen und Schönen Deutschlands. Mehr als 4000 Interviews hat Paul Sahner geführt. Gerne auch etwas schlüpfrig. Auf die Frage, wen er nicht bekommen habe, antwortete er: „Nur den Papst“.

Seine stets anteilnehmend vorgetragenen Fragen wirkten auf seine Interviewpartner wie ein modernes Mantra. Sie luden ein zur Meditation über die Tiefgründigkeit des Lebens und offenbarten dann zumeist reichlich Flachheit und Flatterhaftigkeit. Paul Sahner war auf dem Boulevard zu Hause, in den vergangenen 20 Jahren schrieb er für die „Bunte“. Am Sonntag ist Sahner, nur wenige Tage vor seinem 71. Geburtstag, in seinem Haus am Chiemsee an einem Herzinfarkt gestorben.

Mit ihm und dem erst kürzlich verstorbenen Regisseur Helmut Dietl geht eine Ära zu Ende, die von München aus die „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ prägte und im Rest der Republik dazu führte, dass man von seinen Promis – und das waren keine Container-Bewohner oder TV-Köche – auch gerne mal wissen wollte, wie sie zu Hause wohnen und was sie außer Haus so treiben. Es ist kein Zufall, dass Helmut Dietl in seiner TV-Serie „Kir-Royal“ einen Klatschreporter porträtiert, der als „Baby Schimmerlos“ stark an Sahner erinnert.

Ihren Höhepunkt erlebte diese Zeit in den 80er-Jahren, als sich Chi-Chi und Bling-Bling mit den Salzburger Festspielen mischten, als Schauspieler, Musiker und auch Politiker darauf vertrauten, noch berühmter werden zu können, wenn sie die Öffentlichkeit an ihrem inszenierten Leben teilhaben ließen. Dann stand Paul Sahner vor der Tür: Wenn eine neue Liebe Einzug hielt, eine alte abgewickelt wurde, wenn Becker oder Beckenbauer uneheliche Kinder bekamen, Udo Jürgens über Frauen befragt wurde und plötzlich vom Onanieren sprach, das doch so viel einfacher sei. Angela Ermakova, Beckers Kurzzeit-Geliebte, gab ihre Version der Besenkammer-Situation preis, und der „Kaiser“ sagte Sahner über seinen damaligen Seitensprung, „Es gibt Schlimmeres, als Vater zu werden“. „Ich merke schnell, ob jemand bereit ist, über intimste Dinge zu reden“, hat Paul Sahner mal bekannt.

Einer seiner Lieblingsgesprächspartner war Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Den rot-grünen Wahlsieg 1998 hielt er nach dem betulichen Helmut Kohl für einen „Klatschklimawandel“. „Schröder und Fischer können zusammen auf acht Eheschließungen zurückblicken, das ist schon was. Da gibt es dann auch Ex-Frauen, Dramen, die sich abgespielt haben, Dramen, die erwartet werden. Schröder spielt mit. In dem Augenblick, als er sich im Brioni-Anzug hat ablichten lassen, hat er mitgeteilt: Ich bin auch ein Klatschkanzler“, erklärte Sahner im „Spiegel“-Interview. Sahner befragte Schröders Mutter und erfuhr, dass ihr Sohn sich „so eine Tinktur“ ins Haar reiben würde, damit sie dunkler wirken. Mit Konstantin Wecker und Harald Juhnke veranstaltete Sahner einen Suchtgipfel. Auch für die Leser hatten solche Geschichten eine therapeutische Wirkung: Sie erkannten sich in den Promis wieder.

Paul Sahner sagte immer, er wolle „kein Dreckskerl“ sein

Sein größter Coup war sicherlich, als 2001 Verteidigungsminister Rudolf Scharping und seine neue Partnerin Kristina Gräfin Pilati-Borggreve auf Mallorca im Pool planschten, während in Deutschland die Diskussion um Scharpings Sozialhilfevorschläge und die Einsatzfähigkeit seiner Armee entbrannte. Scharping musste kurz darauf zurücktreten.

Begonnen hatte Paul Sahner als Volontär beim „Westfalenblatt“. Danach ging es für ihn nach München – als Polizeireporter für die „Bild“-Zeitung. Ab 1976 schrieb er Reportagen für verschiedene Magazine wie „Bunte“, „Hörzu“ oder „Stern“. 1992 übernahm er die Chefredaktion der deutschen Ausgabe des Männermagazins „Penthouse“. Nach zwei Jahren kehrte er zur „Bunten“ zurück und gehörte von 2001 bis 2014 auch der Chefredaktion an.

Sahner galt bei Freunden als „Filou“. Er selbst sagte immer, er wolle „kein Dreckskerl“ sein. Als seine Feindin wollte er jedoch nur eine nennen: Doris Schröder-Köpf. Und das nur, weil er sich in einer Talkshow mal auf die Seite ihrer Vorgängerin, Hillu, geschlagen habe. Sahner nannte nur drei Menschen, die er niemals habe interviewen wollen: Pfarrer Fliege, Hans Meiser und Roger Willemsen. Im Herbst sollte Sahners Autobiografie erscheinen, an der er bis zuletzt gearbeitet hat.