Kultur

NDR zeigt ein Flucht-Protokoll quer durch Europa

Ein Reporter begleitete einen Syrer auf seiner gefährlichen Reise in ein neues Leben

Es ist ein absurder Moment. Rami kauft sich ein Ticket, er setzt sich in den Bus, fährt mit den vielen anderen Menschen durch die Innenstadt von Athen, dann zur Akropolis. Er sieht die historische Stätte, der Reiseführer erzählt vom antiken Griechenland. Rami knipst Fotos mit seinem Handy so wie die Touristen neben ihm. Rami aber ist kein Tourist. Er ist auf der Flucht.

Flüchtlinge machen meist dann erst Schlagzeilen in Deutschland, wenn sie im Meer ertrinken oder Anwohner in unseren Städten gegen die neuen Fremden in ihrer Nachbarschaft protestieren. Aber ein Mensch auf der Flucht erlebt auch so etwas wie Alltag. Nur kriegen wir im Meer der Nachrichten über Flüchtlinge davon nichts mit. Ein Team des NDR hat nun Ramis Flucht aus dem kriegszerstörten Syrien dokumentiert – Ramis Flucht, die gefährlichen Situationen, die Momente von Angst, Mut, Frust, stehen für das Schicksal Hunderttausender Menschen außerhalb und innerhalb Europas. Es ist das Protokoll einer 4000 Kilometer langen Odyssee, über acht Grenzen. Ramis Ziel: Hamburg.

Wenn es für den Reporter zu gefährlich wird, filmt Rami selbst

„Panorama 3“-Reporter Nino Seidel lernt Rami kurz nach dessen Flucht aus Damaskus im türkischen Mersin kennen. Danach trifft er den 31 Jahre alten Syrer immer wieder an verschiedenen Orten seiner Route. Und Rami macht nicht nur Fotos von der Akropolis. Er dokumentiert mit Bildern und Videos auf seinem Smartphone Nächte in sumpfigen Wäldern, Tage in einem überfüllten Schlauchboot. Die Dokumentation zeigt, wie Rami mit Schleusern verhandelt, und wie Bundespolizisten nicht nur deutsche Grenzen sichern, sondern auch die europäischen Außengrenzen.

Wenn der Reporter nicht dabei ist, weil es zu gefährlich ist, wird Rami zum Dokumentarfilmer seiner eigenen Geschichte. Der NDR zeigt das Protokoll von Ramis Flucht in vier Folgen, auch im Radio berichtet der Sender. Im Internet erzählen die Macher Ramis Reise in einem Tagebuch – einer Art Flucht in Echtzeit. Wenn Zeitungen oder Fernsehsender über Flüchtlinge berichten, lassen sich Journalisten die Wege der Menschen oftmals nacherzählen. Selten gelingt es Reportern, einen Menschen während der lebensgefährlichen Reise immer wieder zu treffen. Erste Medien nutzten bereits Bilder, die fliehende Menschen mit ihren Handys machten. Doch mit dem Fluchtprotokoll bringt der NDR nun ein spannendes Format. „Ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, was ich und die vielen anderen auf uns nehmen, um ans Ziel zu kommen“, sagt Rami. Um in Frieden zu leben.

„Panorama 3“, Di, 21.15 Uhr, NDR;
www.ndr.de/fluchtprotokoll